Lykien: Auf dem schönsten Trek am Mittelmeer

Ein Klassiker, wir haben noch Plätze frei…

Der Imam fiel in Ohnmacht, Meister Homer die Feder aus der Hand. Lykien begeistert! Einst Denker und Dichter, nun kommen Trekker auf den Geschmack. Likya Yolu, entdecken Sie den Lykischen Weg! Der das Land von seiner ursprünglichen Seite zeigt: Aus dem Garten lachen die Trauben, in der Stille trommelt der Specht. Lykien begeistert! Mit seiner Vielfalt. Verträumte Dörfer tief in den Bergen, Häfen mit Leben und Freude gefüllt. Mediterran, dann beinahe alpin, antik neben modern. Lykien begeistert! Imam bayildi, so sein Geheimnis, das ich zu lüften versuchte …

 

Die E-Mail war kurz: „Steig in den Flieger und komm zu uns, wir zeigen dir den Lykischen Weg.“ Eine Woche verging und nun sitze ich in einem Flieger Richtung Antalya. Mit 399 anderen Passagieren. Deren Sehnsucht nach Sonne und Strand schwebt schon unter den Gepäckablagen: Nackte Haut an nackter Haut in 40 Reihen vom Fenster zum Gang, vom Gang zum Fenster. Ich dagegen, in voller Montur, stecke meine Stiefel immer tiefer unter den Vordersitz, um die nervösen Blicke meiner Nachbarn zu vermeiden. „Hoffentlich zieht er sie nicht aus“, murmelt die Fenster-Nackte-Haut zur Mitte-Nackte-Haut und studiert dann die Speisekarte. Es gibt fliegendes Fast Food mit einem diskreten Bukett der Bord-Mikrowelle. Was soll’s, der Magen knurrt.

 

Es rollt schon das Gepäck, Koffer an Koffer – verblüffend groß für die knappen Kleider. Ich fische meinen Rucksack heraus und treffe auf zwei Trekkingstiefel vor dem Flughafenausgang. Langhaarig und unrasiert ist ihr Träger. Mir ist klar: Mit so einem gehe ich auch Pferde stehlen. Das tut Yüksal selbstverständlich nicht. Einmal die Woche läuft er den Ararat hinauf, ein wenig staubig sind deshalb seine Stiefel. Im Restaurant lerne ich seinen Freund und gleichzeitig meinen Wander-Partner kennen. Mit ihm werde ich die schönsten Abschnitte des Lykischen Weges erleben, der entlang der türkischen Küste in ca. 500 km von Fethiye nach Antalya führt. Venat heißt er, wohlgeformt sind seine Waden. Er trägt schwere Bergstiefel und ein rundes Bäuchlein vor sich. „Ja wunderbar!“, denke ich, „ein Genuss-Trekker: Zuerst der Magen, dann kommen auch die Füße auf ihre Kosten.“

Wie tief habe ich mich getäuscht!

Aber wir sind noch beim Abendessen. Der Kellner flitzt schon zu unserem Tisch, das Abendmahl ist da: Kadinbudu köfte – Frikadellen à la Frauenschenkel. Der Name stammt wohl noch aus der Höhlenmenschzeit, das feine Fleisch hält, was es verspricht …

Am nächsten Morgen – ich habe immer noch die Schenkel im Kopf – stürzt meine Welt zusammen. Wie tief habe ich mich getäuscht! Zwar gab es einige Hinweise: die starken Waden zum Beispiel. Aber sein rundes Bäuchlein?! Es deutet doch auf einen Easy-Go-Hiker hin. Von wegen! Während ich noch von den Frauenschenkel schwärme, wetzen die Waden schon vorne weg. Die Gönyk-Alm hinunter, ich hinterher. Blumenwiesen, schmale Pfade – ich folge immer noch. Die Schenkel längst verdampft – die Waden tanzen immer schneller vor mir. Und da ist sie, die Schildkröte, meine Erlösung!

Die-Schildkroete-meine-Rettung

Mitten auf dem Lykischen Weg. „Gemächlich geht es her am Mittelmeer“ – mein holpriger Reim und mein müdes Lächeln sollen Venat zu niedrigerer Schrittfrequenz bewegen. Alles vergeblich! „Gemächlich waaar das alsooo“ – seine Brauen ziehen sich zusammen. „Wir können auch anders“, und schon ist er weg! Gedelme, ein hübscher Weiler, das Minarett ragt in den Himmel, wir laufen durch. Zeig keine Schwäche! Mount Tahali rückt immer näher, sei kein Weichei! Und immer noch keine Pause in Sicht …

 

Mit qualmenden Socken und beschlagenem Blick schaffe ich es gerade nach Yayla Kuzdere. Hier endet die Straße, hier ist das letzte Dorf vor Mount Tahali. Die Hühner gackern, die Ziegen blöken uns hinterher. Ein lahmes Bächlein plätschert ins Tal. Zwei müde Trekker stolpern im Staub, sie suchen und finden ein Nachtquartier! Eine Bauernfamilie lädt uns ein. Er ist 75 Jahre alt, seine Frau … sie weiß es nicht. So zwischen 70 und 75, wen kümmert es hier? Sie bringt Çai, den schwarzen türkischen Tee, und Tomaten aus dem Garten.

Tuerkische-Spezialitaeten-direkt-aus-dem-Garten

Sie schmecken nach Feld und Land, so wie die frische Petersilie. Dazu essen wir hausgemachten Schafskäse und wir kriegen nicht genug davon. Einfach und lecker! Aus einer Bergbauernküche im letzten Dorf vor Mount Tahali. Für heute Nacht kann uns die Stadt gestohlen bleiben! Unser Gastgeber holt schon die Decken, sie tischt noch Nachtisch auf: „Hanim göbegi“, der Frauennabel – ein süßer Genuss! Die Kerzen flackern im Wind, die Berge leuchten im Mondschein auf … Still zieht die Nacht in das einsame Dorf … Die Stiefel knallen auf den Holzboden, ich mich todmüde ins Bett. Kaum kommt der Traum – der Frauennabel schmiegt sich an meinen Waschbrettbauch an, es kribbelt überall ganz schön, immer wilder, unbeherrschter – da ist die Nacht schon zu Ende: Venat zieht mir die Decke vom Bauch, genießt meinen verwirrten Blick und wirft mir die Stiefel zu. Als die Sonne aufgeht, sind wir schon hoch im Tal, im Herzen des Tahali-Massivs. Alpin trifft mediterran: Der breite Weg schlängelt sich von Alm zur Alm, in der Weite leuchtet das Mittelmeer. Vor uns türmt sich der Mount Tahali auf, bis zum Sattel ist er noch mit Schnee bedeckt. Würzig duftet der Kiefernwald, die saftgrünen Almen laden zum Niedersinken und Beine-Ausstrecken ein.

Mediterran-aber-manchmal-auch-alpin

Von wegen! Energisch schreiten die Waden vor mir, Tahali Pass ist deren nächstes Ziel. Kurz davor werden sie plötzlich langsamer, denn Venat mag keinen Schnee. Der Mittelmeer-Trekker ist den gar nicht gewohnt. Nun führe ich und sacke bis auf den Sattel immer wieder bis zu den Knien ein. „Mediterran ist das nicht gerade“, schießt mir durch die eine Gehirnhälfte. Mit der anderen nehme ich zwei Menschen auf, die von der Nordseite auf den Pass steigen. Tatsächlich, es gibt hier andere Trekker!

Die-einzigen-Trekker-die-wir-unterwegs-trafen

Die Holländer sind schon zum vierten Mal auf dem Weg, sind ihn praktisch schon komplett durchgestiegen von Fethiye nach Antalya. Aber sie kommen immer wieder zurück. Die Einsamkeit des Hinterlandes, die Herzlichkeit der Bergbauern und einfach das Unterwegssein in stiller Natur ziehen sie wieder an. „Gleich hört der Schnee auf“, berichten sie, „und bald seid ihr in Baycik.“

Dort wartet auf uns der Helmut. Er fährt uns nach Olympos und erzählt von seinen Jahren in der Türkei. Er baute sich hier ein Häuschen, pflanzte dann ein paar Weinstöcke an. Sie gediehen, er erntete. Die Trauben gaben guten Wein, er bekam guten Preis dafür. So lebt er hier schon seit Jahren. Als Übersetzer von Beruf. Und Winzer aus Leidenschaft. Ich erzähle ihm von meinen kulinarischen Erlebnissen.

 

Frauenschenkel und Frauennabel verspeist er auch. Und allgemein, wenn man hier die Speisekarte liest, klärt er mich auf, dann hat man den Eindruck, dass die Einheimischen am liebsten ihre Frauen vernaschen würden. „Vergiss die Schenkel und Nabel“, so Helmut, „es gibt hier wahre Leckerbissen, da bist du glatt von den Socken. Imam bayildi, so das Geheimnis, das meine Welt veränderte.“

Leider zu spät kommt mein „Warum?“, wir fahren vor das „Tree Houses Hotel“ vor. Wie Tarzan wohnt man hier, hoch auf dem Baum, ein steiles Treppchen davor.

Wohnen-wie-Tarzan

Die Hexenhäuschen schmiegen sich um den Stamm, von außen und innen fast alles aus Holz. Eine Idylle für Backpacker und Trekker, mitten im Nirgendwo, hinter dem letzten Häuschen plätschert ein Flüsschen. Kletterwand und Picknicktische, ein lauschiges Restaurant. Dort muss es sein, Imam bayildi, das Helmuts Leben veränderte.

Welche Enttäuschung! Untröstlich schleppe ich mich ins Bett. Ich träume von Imam, beharrlich sägt er an meinem Baum. Immer lauter, immer schneller, ich werde wach. Kein Imam da! Dafür höre ich Venat im Häuschen nebenan. Er schnauft und schnarcht, der Säge gleich, die Decke hopst rauf und runter. Munter ist natürlich am nächsten Morgen nur er. Ich trotte ihm in die Adrasan-Bucht nach. Steile Klippen, wilde Pfade, der Weg ist traumhaft schön! Immer wieder öffnet sich ein grandioses Panorama auf die Küste und das in der Sonne silbern glitzernde Meer. Es duftet nach Macchia, nach Sonne und Gras. Der Pfad schlängelt sich zwischen den Felsen, verschwindet unter den Pinien, taucht wieder am Ufer auf. Ein paar Häuser erscheinen am Ufer, es ist Adrasan. Sonne und Strand. Und dort meine Flug-Nachbarn. Sie beide: Sonnencreme und nackte Haut. Ich: völlig verstaubt, die Füße in dicken Stiefeln. Begeistert erzählen sie von ihrem Urlaub: Das Wasser! Der Strand! Und die türkische Küche! Ob ich ES auch schon aß? Sie schauen sich leidenschaftlich in die Augen. Imam bayildi, so ihr Geheimnis, das auch ihr Leben veränderte … Erst in Ücagiz werde auch ich fündig. Dort essen wir mit Venat bei Hassan, dem besten Koch vom Mittelmeer.

Der-beste-Koch-am-Mittelmeer

Ja natürlich bringt er gleich Imam bayildi vorbei. Welch eine Freude! Was das heißt, möchte ich gleich wissen. Die Übersetzung kommt prompt: Der Imam fiel in Ohnmacht. Und was ist da drin? Tomaten, Zucchini und Aubergine. „Und wenn man das zu zweit, gemeinsam isst“, erklärt Hassan mit ernster Miene, „dann, sagt man hier, man wird für immer zusammen sein, solange man lebt.“ Ich schaue Venat an. Seine Waden zucken im Lachkrampf. … Wir liefen dann weiter auf dem Lykischen Weg. Ohne Imam bayildi. Bis einer von uns in Ohnmacht fiel …

 

 

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