Auf der Suche nach Shan-Shui – meine Einkaufsreise nach Taiwan

Im August 2009 landete ich am Flughafen von Taipeh – und es begann, was meine bislang wohl exotischste Einkaufsreise werden sollte. Vor meinen Recherchen für die Reise „Taiwan, schon irgendwie malerisch…“ wusste ich wenig und hatte mehr vage Klischees als klares Wissen über Land und Leute. Mein Bild änderte sich jedoch rasch und gründlich. Taiwan, das sind nicht nur Schwerindustrie und rauchende Schlote. Taiwan, das sind senkrecht aufsteigende Steilküsten, tief eingeschnittene Schluchten, weiße Sandstrände, schneebedeckte Gipfel, tiefblaue Seen und vor allem satt-grüne Teeplantagen. Landschaften von geradezu mystischer Schönheit, deren Betrachtung sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine ganze Malerschule um Isikawa Kinichiro zur Aufgabe machte.

„Shan-Shui“ war der von ihnen verwendete Begriff für die Schönheit der heimischen Natur. Und genau danach machte ich mich auf die Suche während meiner siebentägigen Reise. Begleitet wurde ich von meinem Gastgeber (und unserem Taiwan-Reiseleiter), dem Deutschen Claudius Petzold. Claudius ist Professor an der Chinese Culture University in Taipeh und ein versierter Kenner der Landeskultur.

Ich war froh, dass er mich bereits am Flughafen abholte, denn sich als Mitteleuropäer allein in der quirligen Metropole Taipeh zurecht zu finden, ist alles andere als einfach: Lateinische Schriftzüge sind hier eher rar, Englisch spricht auch hier nicht jeder. Auf der bestens ausgebauten Autobahn stadtauswärts erfuhr ich, dass Taipeh eine der modernsten Städte der Welt ist und dennoch die Brücken zur Tradition nicht abgebrochen hat. „Taiwan entwickelte sich binnen einer Generation von einer Ochsenkarrengesellschaft zur Hightech-Nation.“ klärte mich Claudius auf. In der Tat steht in Taipeh heute der weltweit höchste Wolkenkratzer, die städtische Metro ist die einzige überhaupt, die ferngesteuert und führerlos betrieben wird. Nachdem ich mich für ein paar Nächte in Claudius` Haus in einem hübschen Vorort von Taipeh einquartiert hatte, starteten wir zu unserer Einkaufs- und Erkundungstour.

Taroko-Schlucht

Die Taroko-Schlucht – ein absolutes Muss auf jeder Taiwan-Reise – war uns auf dem Weg ins Hehuanshan-Gebirge einen Abstecher wert. Bis zu tausend Meter steigen hier die Granitwände fast senkrecht in die Höhe. „Diese Laune der Natur ist so beeindruckend wie Grand Canyon und Samaria-Schlucht zusammen,“ dachte ich. Wir machten uns auf eine Erkundungstour entlang der schäumenden Wasser des Liu-Flusses. Hier und da klebten Pagoden und Dao-Tempel wie Schwalbennester an den Berghängen. Eine fantastische Szenerie. Nach ca. 2 Stunden erreichten wir den tosenden Bayang-Wasserfall. Claudius und ich waren uns einig: diese Schlucht allein ist eine Taiwan-Reise wert.

Sonne-Mond-See

Der Sonne-Mond-See war das Starmotiv der Landschaftsmaler um Isikawa Kinichiro. Zurecht wie ich meine. Der atemberaubende Panoramablick über den See vom riesigen Wenwu-Tempel aus, treibt einem schier die Tränen in die Augen. Wie weichgezeichnet breitete sich vor unseren Augen eine smaragdgrün schimmernde Seenlandschaft aus, über deren Oberfläche sich leichte Nebelschleier erhoben. An den Ufern blinkten vereinzelt weiße Dao-Pagoden. Die romantische Stimmung dieses Naturparadieses hat den See zum Lieblingsziel für Flitterwöchler aus ganz Taiwan gemacht, die sich in kitschigen Bötchen über den See staken lassen. Auch wir wussten die Romantik des Sees zu schätzen und ließen den Tag bei einem kühlen Taiwan Beer vor fantastischer Naturkulisse ausklingen.

Bergwandern in Taiwan

Ein Kulturschock der besonderen Art erwartete mich in einem Wandergebiet südlich von Taipeh. Statt eines sich den Hang hinauf schlängelnden Wanderwegs sah ich hier im 45-Grad-Winkel aufsteigende Treppen, schnurgerade zum Gipfel in den Fels gehauen. Derart Verblüffendes hatte ich als leidenschaftlicher Bergsteiger zuvor nirgendwo auf der Welt gesehen. In Taiwan verlaufen viele Bergpfade tatsächlich fast vertikal den Hang hinauf. Den Aufstieg machen Treppen und Handseile möglich. Taiwanesen haben scheinbar nichts übrig für Umwege, suchen immer die direkteste Verbindung zwischen zwei Punkten. Ob diese sportliche Selbstkasteiung ihren Ursprung im taiwanesischen Wesen hat, war noch zu prüfen. Jedenfalls war mir sofort klar, dass dieser Anstieg für eine Gruppenreise nicht in Frage kommt. Wir erkundeten dann noch den Serpentinenweg auf den Lulin, der mir für unsere Reisegruppen geeigneter erschien. Vom Gipfel hatten wir eine atemberaubende Aussicht auf den Jade-Berg und die umliegende Landschaft. Grüne Hügel bis zum Horizont. Das tropisch-feuchte Klima prägt hier maßgeblich die Vegetation. Wo in Europa jenseits der 3.000er-Grenze nur noch Eis und Geröll zu finden sind, dominiert hier satt-grünes Grasland.

Strand von Kending

Vom Gebirgsferienort Alishan aus fuhren wir über perfekt asphaltierte Straßen vorbei an Teeplantagen zur Küste hinab. Der Strand von Kending ganz im Süden Taiwans bietet die perfekte Urlaubsidylle: gleißend weiße Sandstrände und sich im Winde wiegende Palmen stellen das perfekte Fotomotiv für dar. Auch wenn der Strand von Kending paradiesisch schön ist, die authentischste Attraktion des Ortes ist sein Nachtmarkt. Taiwanesen essen oft und gerne und vor allem spät am Abend. Deshalb sind die Nachtmärkte eine wichtige gesellschaftliche Institution in Taiwan. Der Markt von Kending -idyllisch direkt am Strand gelegen- wartete auf mit schaurig-exotischen Leckerbissen. Hier und da zuckten Muränen und Riesengarnelen auf dem Grill. In riesigen Töpfen brodelten Fischsuppen. Ich selbst blieb lieber bei einer guten Portion gegrilltem Gemüse.

Zurück nach Taipeh

Auf der Rückfahrt nach Taipeh wollten wir unbedingt dem buddhistischen Kloster von Kaohsiung noch einen Besuch abstatten. Mir war von Anfang an wichtig, in den Reiseverlauf auch ein buddhistisches Kloster zu integrieren. Taiwan ist eben nicht nur Daoismus sondern auch Buddhismus. In den Tempeln herrschte andächtige Ruhe. Wir begegneten Dutzenden Mönchen, die eindrucksvoll ihre persönliche Mitte gefunden zu haben schienen. Wir Langnasen dagegen waren Fremdkörper an diesem Ort. Klitschnass und in voller Hektik blieb uns nur eine knappe Viertelstunde, bevor wir uns auf die Weiterfahrt nach Taipeh machten. Mein Flugzeug ging am selben Abend. „Unsere Reisegäste werden Gott sei Dank mehr Zeit für diesen wunderbar spirituellen Ort haben,“ dachte ich.

Im Flugzeug freute ich mich auf kühlere deutsche Sommertemperaturen. Doch viel Zeit, die deutsche Sommerfrische zu genießen blieb mir allerdings nicht. Drei Tage später wartete schon der nächste Termin, in Kathmandu. Doch das ist eine andere Geschichte.

Schöne Grüße

Darek Wylezol

Kommentare

  1. Hallo Dirk,

    Herzlich Willkommen. Wir haben eben die letzten Vorbereitungen abgeschlossen, Hotels sind gebucht etc. Nach letzter Recherche haben die Strassen auch nur kaum unter den saisonalen Regentagen über die Feiertage gelitten, sodass die Schäden in den nächsten Tage beseitigt werden. Derzeit versuchen wir noch, ein paar nette Überraschungen einzubauen.

    Ausnahmsweise hat es am Hehuanberg sogar geschneit, leider wird der Schnee in den nächsten Tagen weg sein. Taiwanesen sind da etwas „verrückt“, als die hörten, dass es nach Jahren mal wieder schneit, sind mehrere Hundert Autos auf den 3000 er Pass in die Nähe gefahren.
    Ein Deutscher würde die Straße eher meiden, erst recht einen engen Pass.

  2. Zu Kending:

    Ich war vor wenigen Tagen zum Chinesischen Neujahr im selben Hotel, das unsere Gäste besuchen werden. Immer wieder ein angenehmer Ort, der Baden und Ausflüge ermöglicht. Zum Glück wird es im März nicht so überfüllt sein.
    Darek, keine Meeresfrüchte zu essen, ist ein Fehler.

  3. Am Sonntag war das letzte Treffen mit den örtlichen Partner und Busfahrer, um die Route abzusprechen und eventuelle Missverständnisse zu vermeiden. Alles steht nun fest.

    Das Wetter ist gerade schlecht, aber für das Wochenende ist Besserung angesagt. Der Winter hat halt seinen letzten Versuch gemacht.

  4. Hallo Dirk,

    nur nicht allzu sehr auf den Wetterbericht schauen. Für heute war ein bewölkter Himmel angegeben, aber die Sonne scheint noch. „Bewölkt mit Regen“ bedeutet oft, dass es erst am Nachmittag zuzieht. Die eigenwillige Insellage mit den hohen Mittelgebirge führt auch dazu, dass das Wetter sich alle paar Kilometer ändert.

    Sehen wir mal.

    Claudius Petzold

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