Cho Oyu (8201 m): Wikinger-Expedition zum sechsthöchsten Berg der Erde

Auf dem Weg nach Tibet

Der Bus eiert auf der durch den Monsun aufgeweichten Straße. Die Regenzeit ist noch nicht vorbei und es schüttet ununterbrochen auf dem Weg zur chinesischen Grenze. Diese ist der letzte Härtetest bis zum Base Camp für unsere dreizehnköpfige Expedition, die sich die Besteigung des Cho Oyu (8201 m) in Tibet als Ziel setzte. Der sechshöchste Berg der Erde gilt als der einfachste 8000er und liegt an der tibetisch-nepalesischen Grenze, ca. 20 Kilometer von Mount Everest entfernt.

Cho Oyu Driver Camp, 4900 m

 

Wir machen uns auf den Weg zum Zwischencamp Bhalung auf 5300 m, in dem wir zwei Nächte verbringen, um unseren Akklimatisierungsprozess fortzusetzen. Begleitet werden wir von 37 Yaks, die unsere 2,5 Tonnen Ausrüstung transportieren. Und dann wird Andrzej krank.

Schon viel tiefer merke ich, dass es Andrzej schlecht geht. Er wird immer blasser, teilnahmslos. Jedes Mal, wenn wir uns akklimatisieren, braucht er viel länger als wir. Als wir im Zwischencamp schlafen gehen, erzählt er nur noch wirres Zeug und dann mitten in einem Satz verliert er das Bewusstsein! Wir tragen ihn ins Messzelt, wo wir ihm künstlichen Sauerstoff verabreichen und als er wieder zum Bewusstsein kommt, legen wir ihn ins gamow bag (tragbare Überdruckkammer zur Behandlung der akuten Höhenkrankheit).Abwechselnd „pumpen“ wir ihn von 1:00 Uhr in der Nacht bis 10:00 Uhr morgens auf 3000 m runter. Er fühlt sich danach ein wenig besser aber selbst beim Wasserlassen ist er auf unsere Hilfe angewiesen. Es ist klar, er muss wieder runter!

Um 11:00 Uhr holt Andrzej ein Jeep ab. Den ganzen Weg zurück bis zur chinesisch-nepalesischen Grenze wird er mit künstlichen Sauerstoff versorgt. Nach fünf Tagen stoßt er wieder zu uns.

Cho Oyu Base Camp, 5700 m

Die Karawane betritt nun die Gletschermoräne und wandert gemächlich zum Cho Oyu Base Camp (5700 m). Grün – Büsche, Gras – all das verschwindet aus der Landschaft für ganze fünf Wochen! Hier oben gibt es nur Schnee, Eis und ca. 600 Bergsteiger, die jedes Jahr ihr Glück am Cho Oyu versuchen. Sowie tibetische Flüchtlinge, die unter dem Schutz der Dunkelheit, über den Pass Nangpa La nach Nepal, in die Freiheit flüchten. Meistens sind das Kinder, die bei klirrender Kälte eine Woche lang nachts über den Himalaya wandern, um von den Chinesen nicht überführt zu werden.

Das Basislager ist ein öder Ort in 5700 m Höhe, der außer einem Haufen Steine nichts mehr bietet. Die Höhe fordert gleich ihren Tribut, sobald wir uns nur an die Arbeit machen: Den Boden ebnen, um unsere Zelte aufzustellen, Gepäck auspacken, Küchen- und Messezelt aufstellen – gleich tanzt mir das einzigartige Bergpanorama vor Augen. Trotzdem schaffen wir ein wenig Gemütlichkeit in dieser unwirtlichen Gegend. Die kuschelige Wärme des Messezeltes und die hervorragende Küche unseres Kochs Rinji führt dazu, dass wir das Notwendigste in den High Camps tun und gleich wieder zum Base Camp absteigen. Als er uns am zweiten Tag noch eine Pizza auftischt, tragen wir ihn auf Händen um das Messzelt herum! Während er sich um unser leibliches Wohl kümmert, ist unser High-Altitude-Guide Passang für die erfolgreiche Besteigung zuständig. Und dazu gehört auch, die Berggötter zu besänftigen. Er baut einen Tschörten (Stupa) für sie, schmückt ihn mit Gebetsfähnchen und ruft uns gleich zu einem Puja – einem Opfergebet. Unser kitchen boy, der einige Jahre im Kloster lernte, führt die Zeremonie. Er rezitiert Mantras, ruft die Götter auf und bittet sie um ihre Gnade. Dann opfern wir noch zwei Teller Reis, Kekse und drei Dosen Bier, um unserer Bitte nach Schutz am Berg noch mehr Ausdruck zu verleihen. Als über die Nacht alles – auch das Bier – verschwindet, scheint unser Gebet erhört worden zu sein …

Camp 1, 6500 m

Die gesamte Expeditionsausrüstung und Lebensmittel müssen nun hoch gebracht werden, um von den angelegten High Camps immer höher zu gelangen. Drei Hochlager werden normalerweise am Cho Oyu angelegt: Camp 1 auf 6500 m, Camp 2 auf 7000 m und Camp 3 auf 7500 m. Bereits 1954 wurde der Berg auf dieser Route bestiegen, die seitdem als der Normalweg zum Gipfel gilt. Die damalige Expedition erreichte den Gipfel, ohne den künstlichen Sauerstoff zu nutzen. Mit der damaligen Ausrüstung und Höhenerfahrung eine unfassbare Leistung! Keine Frage: Unser Equipment ist tausendmal besser – und leichter. Und trotzdem zerrt die Schlepperei an unseren Kräften. Die nicht enden wollende Moräne und die Killer-Flanke – steil und rutschig – sind die Hürden auf dem Weg zum Camp 1. Wie ein bunter Stachelkamm eines riesigen Leguans winden sich die Zelte vom Grat in die Senke, perfekt vom Wind geschützt. Wir greifen gleich zur Schaufel und schon leuchten unsere gelben Hochlager-Wigwams in der Sonne.

Der Schneesturm

In der dritten Woche schlägt das Wetter um. Wir richten gerade das zweite Lager ein, als sich der Himmel zuzieht und ein starker Wind aufkommt. Schnell sichern wir noch unsere Zelte und seilen ins erste Camp ab. Von dort treibt uns der Schnee weiter runter, in die Gemütlichkeit unseres Basislagers. Schlafen, lesen und essen. Seit vier Tagen schneit es ununterbrochen. 80 cm Neuschnee! Die Tage vergehen so monoton, kalt und nervenzermürbend. Der Wetterbericht ist eindeutig: Schneefall, noch drei Tage lang … Eine weitere Expedition wirft das Handtuch: In Eile packen sie ihre Rucksäcke, winken uns kurz und steigen ab. Wir bleiben ohne den Gipfel fahren wir nicht nach Hause! Im Messezelt, dem Nabel jeder Expedition versammeln wir uns, um die Zeit gemeinsam totzuschlagen. Es verwandelt sich je nach Tageszeit ins Spielcasino, Leseraum oder Diskussionspodium. Nach den letzten vier Schneetagen haben die meisten ihre Bücher ausgelesen. Bei einem After-Lunch-Großschlemm schlägt die Bombe ein: Gipfelwetter! Übermorgen! Wir tanzen gleich einen Cracovienne um unseren Bridge-Tisch und stürzen nach draußen, wo gerade die Sonne die Wolken vertreibt. Die Hoffnung ist wieder da, der Gipfel kommt näher. Jetzt wird es uns klar, dass bei einer 8000er-Expedition nicht nur das bergsteigerische Können und die Ausdauer wichtig sind. Was über den Erfolg oder Misserfolg entscheidet, ist die Leidensfähigkeit, der Gipfelwille.

Der Countdown

Wir erfahren, dass das Wetter am 1. Oktober am schönsten sein wird. Eine heftige Diskussion bricht aus, jeder will im ersten Gipfelteam sein. Am nächsten Nachmittag steigen wir zum Camp 1 auf. Die Killerflanke bewältigen wir in Rekordzeit. Wir sind schnell, verdammt schnell! Die Zelte biegen sich unter den Schneemassen, wir schaufeln sie frei, kochen und hüpfen in die Schlafsäcke. Der Morgen ist so kalt, dass wir mit dem weiteren Aufstieg bis zum späten Vormittag warten. Vor dem ersten Gletscherbruch klinken wir uns ins Fixseil und jümmern uns hoch. Ein paar steile Klettermeter bringen uns auf ein Schneeplateau, das zu einem weiteren Steilhang führt. Die Steigklemme kommt wieder zum Einsatz und am Nachmittag erreichen wir das zweite Lager. Nur weil wir wissen, wo unsere Zelte stehen, finden wir sie. Eins ist durch den Schneefall stark in Mitleidenschaft gezogen. Kaum geht die Sonne unter, wird es bitter kalt. Wir kochen im Zelt und versuchen etwas zu essen. Niemand hat richtig Appetit, also kochen wir nachher nur noch Tee. Pinkeln zu gehen gleicht jetzt einem Selbstmord, somit wird die Blase in eine Pinkelflasche entleert.

Oben in Camp 3 angekommen schaffe ich es gerade noch, die Steigeisen abzumachen und falle todmüde ins Zelt. Pasang dagegen zündet sich die nächste Zigarette an (!) und hilft Wojtek, Przemek und Irek das Zelt aufzustellen. In der Nacht friere ich fürchterlich und träume nur wirres Zeug.

Der Gipfel

Schon um drei Uhr fangen wir mit dem Anziehen und Kochen an. Es dauert so lange! Als wir um 4:00 Uhr das Zelt verlassen, erfasst mich ein Schüttelfrost, ich zittere am ganzen Körper. – 30

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