Der E5 von Oberstdorf nach Meran

Kennt ihr das? Ihr liegt schlaflos im Bett und starrt in die Dunkelheit?
Draußen prasselt der Regen auf den Boden, was eigentlich eine beruhigende Wirkung auf mich hat. Meine Gedanken lasse ich schweifen in der Hoffnung schlafen zu können. Ich erinnere mich an meine Alpenüberquerung „Der E5 von Oberstdorf nach Meran“, und plötzlich wird der Regen von draußen zum Regen, der uns auf unserer ersten Tour ab und zu begleitet hat.

Der Duft von nassem Waldboden steigt mir in die Nase. Ich erinnere mich, dass die Spielmannsau bekannt ist für regenreiche Tage.
Meine Jacke ist von außen schon getränkt von Feuchtigkeit, und meine Haut ist auch nicht mehr trocken. Trotzdem bewege ich einen Fuß vor dem anderen. Mit Vorsicht, denn wir steigen über Wurzeln und Steine, immer ein bisschen höher. Die Landschaft wechselt auf Schritt und Tritt.

Dann kommt mir die Venetkamm-Überschreitung in den Sinn, und ich spüre, wie mir ein eiskalter Wind um die Ohren fegt. Das Herz schlägt schneller, und die Atmung wird schwerer.

Ziemlich zügig legen wir mehrere Höhenmeter zurück und stehen plötzlich bei Sonnenschein am ersten Gipfelkreuz der Glanderspitze. Viel können wir noch nicht sehen, denn die Gipfel sind noch von Wolken verhangen. Schon bald setzt der Regen ein und geht in leichten Schneefall über. Ich bin dankbar für meine Mütze und die Handschuhe. Schnell unterstützen wir noch einen Mitreisenden beim Überziehen der Regenhose. Vier stützende Hände am Rücken. Die Hosenbeine werden zum Einsteigen aufgehalten, erst das linke und dann das rechte Bein. Die Seiten am Reißverschluss werden mit zwei Händen zusammen gehalten, damit die nächste Person den Reißverschluss hochziehen kann ­­– Teamwork! Endlich kann es weitergehen. ­

Sofort folgt die schönste Erinnerung: Ein sonniger Morgen, keine Wolke am Himmel und die Umgebung ist viel alpiner. Links neben mir spüre ich den Berg. Ich berühre den kalten Fels mit meiner linken Hand, der gibt mir Sicherheit. Der Weg ist kaum noch einen halben Meter breit, und auf der rechten Seite geht der Abhang hinunter. Einfach nicht runtersehen, sage ich mir. Trotzdem bleibe ich zwischendurch stehen und genieße die Aussicht. Von Höhenangst keine Spur!

Alle sind hochkonzentriert, und man hört kaum jemanden sprechen. Die Atmung geht ruhig und gleichmäßig, meine Konzentration richtet sich auf den Weg und jeden einzelnen Schritt.

Meine linke Hand hält sich mittlerweile an Halteseilen fest, die an den Berg angebracht wurden. Meine rechte Hand stützt sich am Fels ab, damit ich leichter den Berg raufkomme. Trittstufen sind ebenfalls in den Fels eingelassen, um die Besteigung zu vereinfachen. Vorsichtig taste ich die Steine ab, um zu sehen, welche fest und welche locker sind – wir möchten ja nicht wegrutschen. Eine kleine Kurve noch und dann ist es geschafft!

Der Weg zum Pitztaler Jöchl
Der Weg zum Pitztaler Jöchl

Ich stehe auf 2.996 m und kann es kaum glauben. Der Ausblick ist einfach wunderschön, und die Anstrengung hat sich definitiv gelohnt.

… Und dann heißt es hinabsteigen. Doch wo ist der Weg? Ich sehe zunächst nur Steine und keinen Pfad, aber das macht nichts. Wir finden trotzdem unseren Weg hinunter zum Parkplatz. Auch auf dieser Passage beweisen wir, dass wir ein eingespieltes Team sind. Wir zeigen uns gegenseitig, welchen Weg wir nehmen können und auf welchen Steinen wir fest stehen können, und reichen uns gegenseitig die Hände (natürlich nur, wenn wir selbst einen festen Halt haben).

Die nächsten Tage werden wir von mediterranem Wetter begleitet, und die Touren werden wieder entspannter, technisch einfacher aber immer noch atemberaubend.

Was für eine Reise! Und wer sagt, es geht auf dem E5 wie auf einer Autobahn zu? Nicht zu unseren Terminen! Noch einmal erinnere ich mich an tolle Wanderungen, viel Sonnenschein, schöne Gespräche, an Gesang, viel Gelächter und glückliche Gesichter und bin dankbar für neue Freundschaften.

Urkundenübergabe in Meran
Urkundenübergabe in Meran

Friedlich und mit einem Lächeln auf den Lippen schlafe ich endlich ein.

 

Na, Lust auf den E5 bekommen? Schaut euch unsere 2 Reisen hier und hier an.

Eure Christina

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