Der Königsweg am Everest (NEU! in 2011)

Gebetsfahnen am Gokyo Ri

[von unserem Reiseleiter Michael Ahrens]

Namche Bazar. 3400m. Nepal.

Namche Bazar, der Hauptort im Khumbu-Tal und das logistische Zentrum aller Wanderer auf dem Weg zum Everest Base Camp. Die Straßen sind erfüllt vom Geklacker der Wanderstöcke. Lachende Wanderer machen sich am frühen Morgen auf den Weg zu ihrem heutigen Ziel: Entweder „uphill“ Richtung Basislager oder zurück nach Lukla, dem Flughafen, von wo an Tagen mit guter Sicht und gutem Flugwetter rund 300 Wanderfreudige ihren Trek zum Basislager beginnen. Oder beenden.

Ich bin mit Nawang unterwegs, meinem Guide auf dieser Wanderung und während ich in das Geklacker der Wanderstöcke einstimme, fällt mir auf, dass alle Wanderer gleichermaßen gut drauf sind. Klar, diejenigen, die das grandiose Bergpanorama von Everest, Lotse und Nuptse bereits genossen – und bestimmt ausgiebig fotografiert – haben, sind voller Energie ob der Erlebnisse und Eindrücke in dieser grandiosen Bergwelt. Die, die es noch vor sich haben, tragen ein erwartungsvolles Grinsen im Gesicht. Zu dieser Fraktion gehöre ich und werde mir meines Grinsens erst bewusst, als mich der eine oder andere Nepali anstarrt und plötzlich ebenfalls grinsen muss.

Panoramaweg über dem Milch Fluss

An diesem Tag gehen wir von Namche nach Portse, entlang eines Höhenweges, von dem aus man einen tollen Blick hinunter in das Tal des Dudh Khosi hat („Dudh Khosi“ bedeutet Milch-Fluss). Mittagspause ist in Mong La, es gibt gebratene Nudeln mit Gemüse, die ich noch mit einem Schwung Tomatenketchup etwas aufpeppe. Die Überraschung ist groß, als ich Ramesh treffe, einen Guide, mit dem ich 2006 hier unterwegs war. Er ist mit einer italienischen Gruppe unterwegs – in Richtung Gokyo-Tal, wo wir in 10 Tagen ankommen werden.

Von Mong La geht es weiter auf besagtem Höhenweg nach Portse Tanga, wo der Dudh Khosi nach NW ins Gokyo-Tal abzweigt. Wir überqueren den Fluss und stiegen noch einmal 130 Höhenmeter nach Portse auf, dem Ziel unserer heutigen Wanderung. Von hier aus haben wir einen tollen Blick nach Süden zurück Richtung Namche und Lukla.

Im freundlichen Guesthouse, wo wir heute Nacht logieren, beziehe ich zunächst mein Zimmer und mache mich „etwas frisch“. Anschließend ruhe ich mich ein wenig in der gemütlichen Dininghall aus, bestelle eine Thermoskanne Tee, genieße den Ausblick, und Lotse und Ama Dablamhalte ein wenig Smalltalk mit den anderen Wanderern.

Der ca. 9-jähige Sohn des Hauses flitzt zwischen Dininghall und dem Yak-Pferch hin und her und widmet sich wechselweise dem Umherscheuchen der zotteligen Yaks und seinem game-boy. Der Kontrast aus Moderne und ursprünglicher Lebensweise der Bewohner könnte nicht größer sein.

 

Der erste Aussichts-Gipfel, der erste Pass

Ein paar Tage später steigen wir vom Weiler Chukkung auf den Chukkung Ri, dem ersten Panorama-Berg auf dieser Wanderreise. Wir überqueren zunächst einen kleinen Bach, ein paar Holzbalken fungieren als Brücke. In der morgendlichen Kälte ist der Bach teilweise zugefroren. Nachdem wir trockenen Fußes auf der anderen Seite angekommen sind, geht es auch gleich kontinuierlich bergauf – rund 750 Höhenmeter bis zum Gipfel. Das Panorama ist zunehmend grandios – je höher wir aufsteigen: Ama Dablam im Süden und Island Peak und Makalu im Osten. Direkt vor uns und im Blick liegt die imposante Lhotse-Südwand, mit dem 8516m-hohen Hauptgipfel und vierthöchstem Berg der Welt. Links daneben der Nuptse, immerhin 7855m – und links daneben, quasi unter mir schlängelt sich der Nuptse-Gletscher zu Tal. Mir bleibt die Luft weg.

Das liegt zum einen an der dünner werdenden Luft, zum anderen daran, dass ich beim Fotografieren die Luft anhalte. Der gigantische Ausblick tut ein Übriges.

„Los, weiter atmen!“ sage ich mir und mache das dann auch so.

Auf dem Chukkung Ri

 

Am Tag darauf erklimmen wir den ersten der „3 Pässe“, den Kongma La. Mit 5535m der höchste der 3 Pässe, die wir auf dieser Wanderung überqueren werden. An diesem Tag treffen wir nur wenige Wanderer und selbst am Pass, von wo aus wir eine grandiose Aussicht genießen, sind außer uns nur 4 weitere Wanderer, unter anderem ein amerikanisches Brüderpaar, die wir in den letzten Tagen bereits des Öfteren trafen. Beide sind totale Outdoorcracks und waren zuletzt für 3 Monate auf dem Pacific Crest Trail in Kalifornien von der Grenze zu Mexiko bis zum Lake Tahoe unterwegs. Eine stramme Leistung. Aber heute sind wir besser drauf.Auf der anderen Passseite liegt etwas überfrorener Schnee. Wir gehen vorsichtig. Ich bleibe oft stehen, um die Aussicht zu genießen. Vor uns, bzw. UNTER uns liegt der südliche Teil des Khumbu-Gletschers, der sich vom Everest hinunter ins Tal entlang windet. Die Überquerung des Gletschers macht keine Probleme; größtenteils ist das Eis von einer dicken Decke aus Schutt bedeckt, alles sehr pittoresk. In der Ferne erheben sich Pumo Ri (7161m) und Nuptse (7855m) über dem Khumbu-Gletscher.

Wir sind froh und erfüllt von Eindrücken als wir am Nachmittag in Lobuche ankommen, unserem heutigen Etappenziel.

 Auf dem Weg zum Kongma La

Auf zum Kongma La, Im Hintergrund Nuptse (links) und Lhotse (rechts
Auf zum Kongma La, Im Hintergrund Nuptse (links) und Lhotse (rechts

    

 

 

 

 

 

 

Kala Patthar!

Die nächsten Tage bieten zahlreiche weitere Highlights, so insbesondere die Wanderung nach Gorak Shep (5140m), wo im Jahr 1953 eine britische Expedition ihr Basislager aufschlug, um erstmalig den Mount Everest zu bezwingen.

Schließlich waren es Tenzing Norgay und Edmund Hillary, ein bis dazu mal in Bergsteigerkreisen nahezu unbekannter Imkerssohn aus Neuseeland, denen am 29.05.1953 die Erstbesteigung des mit 8848 höchsten Gipfels der Welt gelang.

Als sie am Ende des Abstiegs ins Lager zurückkehrten antwortetet Hillary auf die Frage, ob sie den Gipfel bezwungen haben: „We knocked the bastard off!“

„Unser“ Gipfel ist immerhin 5545m hoch und trögt den Namen „Kala Patthar“, was soviel wie „Schwarzer Stein“ bedeutet. Von hier aus haben wir einen fantastischen Blick auf den Mount Everest, Nuptse, Lhotse, Makalu und natürlich das lange Band des Khumbu-Gletschers. Es ist ein erhebender Moment und wenn ich daran zurück denke, überkommt mich ein wohliges Frösteln sowie eine Gänsehaut.

Auf dem Weg nach Gorak Shep, Pumo Ri im Hintergrund

Cho La-Pass und Gokyo Ri, die Aussichtskanzel im Khumbu

Zwei Tage später erklimmen wir unseren „zweiten Pass“, den Cho La (5350m). Wir kommen in Kontakt mit Eis uns Schnee und die Bergwelt wirkt dadurch etwas alpiner. Wir folgen dem gut ausgetretenen Pfad, dann taucht hinter einer sanften Schneekuppe der Pass auf, an dem – wie üblich – bunte Gebetsfahnen im Wind flattern. Auch dieser Tag ist ein weiteres Highlight; Bilder und Eindrücke im Gedächtnis gespeichert.

Auf der nächsten Etappe queren wir den Ngozumba-Gletscher. Wir starten früh und im Licht der Morgensonne erhebt sich der Cho Oyu, mit 8201m der sechsthöchste Gipfel der Welt, am nördlichen Ende des Gletschertals. Unser heutiges Ziel ist der Weiler Gokyo, am türkisblauen Gokyosee gelegen. Ich mache mir erstmals Gedanken, ob ich wirklich ausreichend Speicherkarten für meine Kamera mithabe und komme bei diesen Überlegungen zur Erkenntnis, dass ich mich hinsichtlich des Fotografierens etwas disziplinieren muss.

Am folgenden Tag erklimmen wir den Gokyo Ri (5350m), den dritten Aussichtsberg auf unserer Wanderung; meiner Meinung nach der Berg mit der spektakulärsten Aussicht.

Auf dem Ngozumba-Gletscher, Cho Oyo (8201m) im Hintergrund

    Der dritte Pass

Auch die folgenden Tage sind voll gepackt mit fantastischen Erlebnissen. Wir überqueren den Renjo La (5350m), den dritten Pass auf unserer Khumbu-Querung. Nochmals erblicken wir Everest, Lhotse und Makalu in der Ferne, sowie den Weiler Gokyo und dem gleichnamigen See. Vom Renjo Pass aus steigen wir hinab ins Tal des Bhote Khosi; hier führt die Route der tibetischen Händler vom Nagpa La nach Namche Bazar und so treffen wir am folgenden Tag auf zahlreiche Yak-Karawanen. Ein Hirte erklärt uns, dass es rd. 250 Tier sind, jeder Hirte hat eine Herde von 30 Tieren. Wir schauen den zotteligen Tieren, die mit bunten Bändern geschmückt sind, hinterher und schicken den Händlern gute Wünsche mit auf den Weg, denn die Überquerung des Nagpa La (5716m) setzt Geschick und Glück voraus.

Großes Finale – Kongde

Unsere letzte Etappe führt uns von Thame nach Kongde (4200m). Der Pfad ist recht wenig begangen und je länger wir unterwegs sind, desto grandioser wird die Aussicht auf Ama Dablam, später auf Lhotse und Everest. Der Trekkingspfad windet sich entlang der Bergflanke des Kongde Peak oberhalb vom Bhose-Khosi-Flusstal. Der Ort Namche Bazar erscheint im Blickfeld. In Relation zu den gigantischen Bergen wirken die Häuser winzig, wie bei einer Spielzeugeisenbahn aus 100m Höhe betrachtet.

Plötzlich erscheint – hinter einer Hügelkuppe – das Hotel vor uns.

Hier genießen wir nicht nur einen schier unglaublich grandiosen Ausblick auf die höchsten Berge der Welt, sondern auch den willkommenen Komfort der luxuriösesten Unterkunft auf dieser Wanderung. Nach einer Tageswanderung auf einen Aussichtsgipfel, sowie zum Dudh-Pokhari (Milch-See) steigen wir am letzten Tag unseres Trekking 1800m in Khumbu-Tal hinab, zum Ort Phakding und weiter nach Lukla, von wo aus wir am nächsten Tag zurück nach Kathmandu fliegen werden.Ab Phakding befinden wir uns wieder auf die Hauptwanderroute zum – bzw. vom – Everest-Basislager und es sind mehr Wanderer und Bergsteiger unterwegs, als wir von den letzten Tagesetappen her gewöhnt sind.

Aber das macht nichts.

Denn nun gehören WIR zu denjenigen Wanderern, die deshalb ein versonnenes Grinsen im Gesicht haben, weil wir stolz und glücklich sind, am Fuß des höchsten Berges der Welt gewesen zu sein. Wir haben auf einem 17-tägigen Trekking 3 Pässe und 3 Gipfel erklommen und dabei grandiose Ausblicke über das Dach der Welt gehabt. Die Bilder davon sind für immer im Gedächtnis gespeichert. Aber nicht nur dort.

Auf der letzten Speicherkarte habe ich noch freien Speicherplatz für 16 Bilder. Es ist der Königsweg des Khumbu. Und wahrlich eine Hymne an den Everest.

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