Die „inspirierende Vielfalt Nepals“, erzählt am Beispiel zahlreicher abenteuerlicher Transportmittel

Die Busfahrt vom Flughafen zum Hotel Vajra in Kathmandu vermittelt einen ersten Eindruck von dem, was wir später als Verkehrsinfarkt bezeichnen werden. Ein einziges Hupkonzert allerorten auf Straßen, die in Deutschland großzügig als

Ganz normaler Alltagsverkehr in Kathmandu
Ganz normaler Alltagsverkehr in Kathmandu

schlechte Waldwege bezeichnet würden. Wenn Asphalt vorhanden sein sollte, dann ist er von riesigen Schlaglöchern durchzogen oder auch mal, wie in Bodnath, vom Erdbeben zweigeteilt. Auf, in und durch dieses Wegechaos bewegt sich alles, was man sich an Verkehrsmitteln vorstellen kann. Vor allem das endlose Gehupe fasziniert uns von Anfang an. Für die Busfahrt auf nicht asphaltierten Straßen benötigt der Bus eine Stunde durch das glücklicherweise noch trockene und entsprechend staubige Innenstadtgebiet Kathmandus.

Wen wundert’s, dass die Wartenden an den Bushaltestellen Mundschutz tragen, ebenso die Fahrer und Beifahrer der Millionen Mopeds und Mofas, die teilweise als Transportmittel für vierköpfige Familien herhalten. Die ausufernde Millionenmetropole droht an Müll, Menschenmassen und Verkehrskollaps zu ersticken. Und da reden wir in Deutschland von Feinstaubbelastung – es relativiert sich alles in der Ferne.

Als Einstieg in die zahlreichen Verkehrsmitteloptionen machen wir uns zur Tempelanlage Svayambunath oder zum Bummel im Touristenzentrum Thamel erst einmal zu Fuß auf den Weg – so kommen wir wahrscheinlich schneller als mit dem Bus an, laufen aber ständig Gefahr, von einem der zahlreichen Verkehrsmittel jedweder Art angefahren oder überrollt zu werden!

 

 

 

Straßengewimmel in Bodnath
Straßengewimmel in Bodnath

Reiseleiterin Petra behauptet ja, die Straßen seien seit dem Erdbeben etwas breiter geworden: „Nicht mehr ganz lebensgefährlich“. Wir könnten auch eine der gefühlt tausend Fahrrad Rikshas wählen, die sich überall an Kreuzungen und Plätzen zusammenklumpen, um erschöpfte Weichei-Europäer aus dem kräftezehrenden asiatischen Normalverkehrsalltag zu erretten. Zu Beginn der Reise ist man aber noch frisch genug, um sich den Anforderungen stellen zu können. Schließlich erlebt man die Stadt und die Menschen so am allerbesten. Für die Rückfahrt, vor allem abends oder in der beginnenden Dämmerung, darf es dann auch mal eines der äußerst günstigen Taxis sein.

Fahrrad -Rikshas in Thamel
Fahrrad -Rikshas in Thamel

Als Teilnehmer der Wikingerreise „Berge, Dschungel und Kultur“ verlässt man den Supergau Kathmandu am dritten Tag über einen ebenfalls noch sehr rumpeligen „Highway“ und fährt durch Bhaktapur und weiter über endlose bucklige Serpentinen Richtung Nagarkot, bis der Highway in den staubigen engen Bergkurven nun wirklich nicht mehr als solcher zu bezeichnen ist. Da kann es schon mal passieren, dass Bus und LKW im Engpass einer Baustelle nicht aneinander vorbei kommen und freigeschaufelt werden müssen. Nach den drei Stunden Fahrt für 32 Kilometer wird man dann allerdings auf knapp 2000 Meter Höhe mit einem kleinen Paradies belohnt. Herrliche Fernsicht auf gewaltige Bergketten, Möglichkeiten zu mehrstündigen Wanderungen durch Bergdörfer und authentische Landschaft sowie fantastisches Essen aus Bio-Produktion des Farmhauses lassen die Herzen sowohl der Wanderer als auch der Kulturinteressierten höher schlagen. Nach zwei Nächten in diesem wunderbaren Fleckchen Erde fühlt man sich wieder bereit, sich dem harten Realismus Bhaktapurs zu stellen. Der Rundgang durch die angeblich autofreie Altstadt gestaltet sich dort erneut sehr hektisch inmitten eines unglaublichen, motorisierten Gewimmels. Der Betrieb wird auch immer quirliger und bunter. Die Nepalesen tragen herrlich farbenfrohe Festtagskleidung und wollen den letzten Tag des Jahres 2073 feiern, die Volksgruppe der Newar freut sich allerdings auf das Jahr 1136. Wir erleben als Fußgänger hautnah die vielen Zerstörungen, die das Erdbebens von 2015 angerichtet hat, ebenso aber die zahlreichen Wiederaufbauten im historischen Zentrum. Leider bestehen sie bei den Einheimischen immer noch in Form von Wellblechwänden inmitten von Trümmern.

Nachdem uns eine große, komfortable Passagiermaschine von Europa nach Nepal gebracht hatte, wird nun wieder ein inneres „Ommm“ notwendig: Buddha Air soll uns nach Pokhara bringen – die Fluglinie steht auf der schwarzen Liste der EU. Der Flug dauert zwar nur 25 Minuten, aufgrund des Verkehrinfarkts im Luftraum sitzen wir aber drei Stunden am Flughafen herum bei Höllenlärm, weil die ständigen Durchsagen zwar laut, aber trotzdem unverständlich sind. Der Flug selbst generierte aber keinerlei Angstschweiß sondern durchaus Vertrauen in die ständig verkehrende heimische Fluggesellschaft.

Bootsfahrt auf dem Phewa- See
Bootsfahrt auf dem Phewa- See

Im touristisch sehr erschlossenen Pokhara erwartet uns eine Bootsfahrt mit Schwimmwesten über den Phewa-See. Aufgrund des Feiertags ist hier von buddhistischer Einkehr nichts zu spüren. Aber man ist mittendrin im Urlaubergewimmel aus aller Welt und wo sonst sieht man schon mal tibetische Mönche, die im traditionellen Gewand mit Selfiestick und Mundschutz posieren und Fotos von ihrer rauchigen Grillparty machen. Der sensationelle Mofastau am Abend im hektischen Streetlife Pokharas lässt uns bald wieder dankbare Fußgänger sein.

Schließlich geht es per Reisebus auf den Siddharta Highway, ein Abenteuer ganz besonderer Art. Der Siddhartha Rajmarg ist eine Fernstraße in Nepal, die Pokhara mit der im Süden an der indischen Grenze gelegenen Stadt Siddharthanagar verbindet. Die 188 km lange Überlandstraße führt über die gesamte Strecke eigentlich nur über holprige Serpentinen bergauf bergab, mit Schlaglöchern und höllischen, ungesicherten Abgründen als Straßenrand. Nach neun Stunden und ein paar Reisetabletten gegen Seekrankheit haben wir es dann aber geschafft, dank etlicher Pausen in den offenen Straßenküchen der Bergdörfer, in denen man sich einfach, aber hervorragend authentisch mit frittiertem Reisbrot oder dem allgegenwärtigen Linsengericht Dal Bhat „all you can eat“ stärken kann. In Lumbini, dem Geburtsort Buddhas, hat man dann weite Wege durch den 1997 von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuften Friedenspark zu bewältigen. Völlig ausgepilgert im heißen Klima des nepalesischen Südens freut man sich nach dem Buddha-Hopping von Tempel zu Tempel Stunden später über die Möglichkeit, mit einem E-Tuk-Tuk, also einer elektrischen Rikscha sonnenstich- und blasenfrei zurück zum Hotel zu gelangen.

E- Riksha in Lumbini
E- Riksha in Lumbini

Erneute Bus- Schuckelei ist notwendig, um nach Chitwan zu gelangen, ins Land des Dschungels. In Sauraha gehören Elefanten zum Straßenbild und die Felder bestellen die Bauern mit wuchtigen Wasserbüffeln. Ein ganz neues Spektrum an Transportmitteln erwartet uns hier. Selbst beim Verlassen eines Souvenirladens sollte man immer rechtzeitig links und rechts schauen, damit man nicht vom Arbeitselefanten platt gemacht wird.

Straßenbenutzer mit Rüssel in Sauraha
Straßenbenutzer mit Rüssel in Sauraha

Eine sehr kontemplative Einbaumfahrt auf dem Rhapti Fluss bringt uns fast auf Augenhöhe mit Krokodilen. Die Einbäume sind zwar mittlerweile aus Kunststoff, aber trotzdem nicht viel breiter als ein Baumstamm.

Einbaumfahrt auf dem Khola Rhapti in Sauraha
Einbaumfahrt auf dem Khola Rhapti in Sauraha

Für die Ausflüge zu benachbarten Dschungelattraktionen stellt uns die lokale Tourismusagentur die unterschiedlichsten Verkehrsmittel zur Verfügung. Die Ölwanne eines klapprigen ehemaligen Schulbusses für Kleinkinder, in dem selbst ich mit 1,63 Körpergröße nicht gerade sitzen kann, hält den enorm großen Felsbrocken auf der Strecke zum Beeshazar See nicht stand. Aber es gibt schlimmere Plätze beim Warten auf Rettung als ein stiller See, in dem sich Eisvögel spiegeln und Krokodile schwimmen. Schließlich haben wir auf dem ruppigen Weg dorthin schon Adler, Termitenbauten und eine Rhinozeros-Mama mit Kind gesehen. Zur Elefantenzuchtstation am nächsten Tag versuchen wir es zur Abwechslung mal mit zwei offenen Jeeps. Einer davon geht bei der Fahrt zwar auch kaputt, aber wir quetschen uns irgendwie alle zwölf in einen Jeep und fahren gut gelaunt weiter. Schließlich erwartet man hier keinen Komfort und die Ziele sind auch einfach zu spektakulär, um sich von der Technik die Laune verderben zu lassen.

Auch die Elefanten dienen als Transportmittel durch den Dschungel.

Elefantendusche im Rhapti Fluss
Elefantendusche im Rhapti Fluss

Man kann mit ihnen baden (inklusive Flusswasserdusche) oder zu viert auf ihrem Rücken langsam und beschaulich durchs grüne Dickicht schaukeln. So betrachtet man die Dschungelfauna ein Stockwerk höher und entgeht bei der Flussdurchquerung vorlauten Krokodilschnappern.

Der Elephant Ticket Counter im Chitwan Nationalpark
Der Elephant Ticket Counter im Chitwan Nationalpark
Im Ochsenkarren durch Baghmara
Im Ochsenkarren durch Baghmara

Es kann dabei aber durchaus passieren, dass man auf einer Lichtung Familie Panzernashorn wieder trifft – auf fünf Meter Entfernung! Auf dem Elefanten nehmen die Kolosse uns Menschen nicht wahr und sehen oder riechen somit keine Gefahr.

Hier im Terai braucht man auch keinen Wecker – man wird vom Tröten der Elefanten geweckt! Die Frühpatrouille ist unterwegs. Mit zwei Ochsenkarren fahren wir nun durch das Tharu- Dorf Baghmara, was Tigertöter bedeutet. Damit geht es natürlich entsprechend beschaulich voran und man hat Zeit und Muse, die Menschen und Häuser zu erleben und anzusehen. Ganz unter dem Motto des Yoga-Meisters Ram Krishna Das: „Reise langsam, denn die Langsamkeit wird dir Antwort geben“.

Doch auch diese Fahrt geht irgendwie zu schnell vorbei und wir müssen den Süden wieder verlassen: in einer kleinen Maschine der Buddha Air mit 12 Reihen. Wie schon gesagt, es gibt keinerlei Vertrauensprobleme, was die Fluggesellschaft angeht. Die Kathmandu Post vom 20. April 2017 beschreibt den allgemeinen Luftverkehr aber so: „Nepals domestic air passenger movement increased by 28.85 to a record 1.75 million last year.“ Das Wachstum der Nachfrage sei dem schlechten Zustand der nationalen Straßen geschuldet, so dass alle Airlines neue Flieger bestellten, obwohl eigentlich kein Platz mehr vorhanden ist. Die Warteschleifen in der Luft würden immer größer. Und dann noch der nette Satz: „Such state of affairs can try the patience of even the calmest passenger.“ Yep, da stimmen wir alle zu! Drei Stunden Wartezeit für einen 25minütigen Flug, das gab es tatsächlich mehr als ein Mal. Da braucht es schon etliche „Ommmms“, um sich nicht dauernd die mit buddhistischer Gelassenheit einshampoonierten Haare raufen zu müssen.

Versuch einer Verkehrsberuhigung in Bhaktapur
Versuch einer Verkehrsberuhigung in Bhaktapur

Natürlich haben wir noch einiges an nepalesischen Transportmitteln ausgelassen: Fahrradfahren in Thamel ist eher was für suizidaffine Extremisten, für Paragliding, Hubschrauber- und Mountainflüge benötigt man das nötige Kleingeld. Bahnfahrten sind nur auf einer Reise nach Indien möglich. Die Pferdekutsche hätten wir statt des Ochsenkarrens besteigen können. Überall grüßt jedoch der Zeitgeist auf surreale Art: Egal wie urig oder modern ein Transportmittel anmutet, es sitzt jemand drauf oder drin, der mit einer Hand Zügel oder Lenkrad hält, mit der anderen aber sein Smartphone bedient.

Zurück in Kathmandu kämpft sich der Bus wieder lange durch den Nachmittagsverkehr. Aber irgend etwas ist anders. Wir kommen nicht gleich darauf, doch dann erkennen wir, dass hier nicht mehr gehupt wird! Welch ein Unterschied zum Verkehrslärm noch zehn Tage zuvor! Was war passiert? Vor ein paar Tagen war ein neues Gesetz erlassen worden, welches das Hupen im Straßenverkehr verbietet und unter Strafe stellt! Der Unterschied ist enorm.

Jetzt hat auch der Regen eingesetzt und die sonst so staubigen Straßen zerlaufen im Matsch. Es wird nun deutlich, warum alle Nepalesen nur Flip Flops tragen. Wir sind jedenfalls froh, dass wir unsere Füße nicht mehr in den Matsch setzen müssen und trockenen Fußes zum Airport gelangen. Ehe man es sich versieht, fährt man nach einem Flug westwärts in der luxuriösen Passagiermaschine wieder mit einem schnellen, komfortablen Auto auf dem glatten Asphalt einer gut organisierten, abends recht leeren deutschen Autobahn und fragt sich, wieso man sich hier doch das eine oder andere Mal über einen solchen Luxus beschweren mag. Es ist eben alles relativ – und die Seele benötigt erfahrungsgemäß sowieso viel mehr Zeit, bis sie auf der Rückreise den Körper wieder eingeholt hat.

Besser mit Mundschutz unterwegs in Bodnath
Besser mit Mundschutz unterwegs in Bodnath

Schreibe einen Kommentar