Fitzcarraldo und die Seeschlacht am Gardasee

Was machen Kriegsschiffe auf dem Gardasee und vor allem wie kommen sie dort hin? Eine kurze Historie über wohl eine der skurrilsten SEE- Schlachten der europäischen Geschichte. 

Kurz nach dem Kreisverkehr in Nago weitet sich der Blick. Endlich in Sicht – der Gardasee. Im Hintergrund die fast zweitausend Meter hohen Berge um den Tremalzo. Tief unten der blaue See mit ungehindertem Blick bis fast in die Poebene. Vor uns das Surferstädtchen Torbole und weiter hinter dem Felsriegel des Monte Baone das altehrwürdige Riva.

Jetzt denken wir uns einige Jahrhunderte zurück. Nämlich in das Jahr 1439. Von Surfbrettern war noch keine Rede und altehrwürdig war Riva da noch lange nicht. An den schräg abfallenden Kalkfelsen oberhalb von Torbole stand ein Haufen verschwitzter und erschöpfter venezianische Soldaten mit rund 6000 grunzenden Ochsen als Zugtiere. Im Gepäck sechs große Galeeren, zwei Galeonen und knapp dreißig Kriegsbarken. Sie waren bereit zur Seeschlacht am Gardasee gegen das rivalisierende Machtzentrum der Mailänder, die sich am See breit gemacht haben.

Eine Seemacht geht zu Fuß

Wo heute Autos fahren, schleppten damals 5000 Ochsen Schiffe über den Berg
Wo heute Autos fahren, schleppten damals 5000 Ochsen Schiffe über den Berg

Doch Moment. Warum schleppt die Seemacht Venezien ihre Schiffe durch die enge Berglandschaft von Rovereto nach Nago wie im Werner Herzog Film “der durchgeknallte Fitzcarraldo”? Gibt es denn nicht den viel einfacheren Weg über den kleinen Fluss Minico, der am Südende den See entwässert und in den Po fließt, der wiederum unweit von Venedig in der Adria mündet? Die Venezianer hätten einfach nur die beiden Flüsse hinaufpaddeln müssen und wäre ohne viel Schleppen und Zerren im 370 Quadratkilometer großen Gardasee gewesen. Bereit für die Schlacht gegen die Mailänder Macht.

Der Blick auf Torbole und Monte Baone. Hier mussten die Schiffe hinunter
Der Blick auf Torbole und Monte Baone. Hier mussten die Schiffe hinunter

Um das zu verstehen, muss man noch etwas weiter zurückgreifen. Schon im frühen Mittelalter war der See unter den Stadtrepubliken so begehrt wie heute an sonnigen Pfingstwochenenden unter den Süddeutschen.  Zug um Zug eroberten die Mailänder die lombardischen Bereiche auf der Ostseite des Sees. Letztendlich auch das Städtchen Riva. Zuvor belagerten sie Brescia und kontrollierten damit die Südseite des Sees. Der Zugang über den Minico wurde für die Venezianer zur Mausefalle. Sie gaben allerdings nicht klein bei, denn noch näher an Venedig mündet die Etsch in die Adria. Der Fluss, der in den Ötztaler Alpen entspringt und mit dem italienischen Namen Adige heut als Alto Adige den deutschsprachigen Teil Tirols bezeichnet. Spätestens ab Bozen begleitet er die Nordeuropäischen Urlaubermassen auf dem mal mehr oder weniger schnellen Weg nach Süden, um nicht – wie von vielen vermutet – in den Po zu fließen, nein, die Etsch dreht vorher nach Osten und plätschert noch näher an Venedig in die Adria. Für mittelalterliche Verkehrswege praktisch eine Expressverbindung hinauf nach Rovereto ohne lästige Mautstellen und Feinde wie am Minico.

Am Ziel ihrer beschwerlichen Reise: In Torbole werden die venezianischen Schiffe wieder aufgebaut
Am Ziel ihrer beschwerlichen Reise: In Torbole werden die venezianischen Schiffe wieder aufgebaut

Nur ein kleines Problem war da noch, der trockene Weg zwischen Rovereto und Torbole. Dafür waren unter anderem die sechstausend Ochsen und einige gefällte Bäume, die als Rollen dienten, notwendig. Sogar einige Felsen mussten für die Ochserei nach Nago aus dem Weg gesprengt werden. Dass dies von den Mailändern nicht unbemerkt blieb, ist ja klar. Trotzdem schafften es die Venezier es bis an den See. Die erste Schlacht bei Maderno verloren die ausgezehrten bergsteigenden Seefahrer, aber geschlagen gaben diese sich nicht. Eilig wurde Ersatz beschafft. Die Wege waren ja schon gesprengt und die Ochsen waren auch noch da. In Frühjahr 1440 konnten die überraschten Mailänder vor Riva geschlagen werden und die Venezianer hatten für die kommenden 80 Jahre das Nordufer unter Kontrolle. Bis die Nordseite des Sees dem Trient zugeschlagen wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Diese und viel andere spanndenden Geschichten gibt es auf diesen Gardaseereisen zu hören.

Euer Oliver Schulz

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