Eine kurze (Rad-)Geschichte Usedoms

Eine kurze (Rad-)Geschichte Usedoms

Irgendwann in grauer Vorzeit kamen die Slawen nach Usedom. Sie gründeten hier Orte, deren Namen heute selbst eine im Slawischen geübte Zunge kaum aussprechen kann. Nach einigen Jahrhunderten, in denen die Insel ihre Herrscher mehrmals wechselte, fiel sie schließlich der preußischen Krone zu. Und als die Deutschen dann auf Usedom richtig Fuß fassten, begannen sie eine Villa nach der anderen zu bauen, bis der Strand aus dem Blick verschwand. Irgendwann um diese Zeit tauchte auch Lyonel Feininger in den gleichen geografischen Breiten auf. Mit Pinsel und Palette durchstreifte er die Gegend zwischen Peppermint und Swinemünde – die Insel zog ihn in ihren Bann. Er brachte aber noch Etwas auf die Insel mit: ein Rad. Das wertvollste Geschenk, das ein Nicht-Insulaner der Insel jemals hätte machen können.

Der Wecker klingelte, die Katze flüchtete unter die warme Decke meiner Frau, draußen heulte der Wind. Auch wenn es um die Erkundung einer neuen Radreise auf Usedom ging: Musste ich ausgerechnet heute aus dem warmen Bett heraus? Mein verschlafener Blick wanderte hoffnungsvoll zum Tischkalender. Die Gleichgültigkeit, die er verbreitete, war einfach erschreckend: der 30. Mai. Also doch mein Abreisetag. Ah ja, und das stand auch noch drunter: „Wer ist ein Mann von guter Art, trägt seinen Pelz bis Himmelfahrt.“ Gerade am frühen Morgen fand ich die Kalendersprüche nicht besonders lustig… Aber als ich noch einmal nach draußen schaute, blieb mir wohl nichts anderes übrig, als für meine Fahrt nach Usedom noch schnell einen Pelzmantel aufzutreiben…

 Ein FKK-Strand und eine kurze Geschichte Usedoms

Doch als ich Stunden später in den Ahlbecker Strandparkplatz einbog und mein Radl vom Dach herunternahm, gab es am Himmel keine einzige Wolke, und die Sonne verwöhnte Usedom wieder mit den im Mai üblichen neun Stunden Sonnenschein am Tag. Nun an die Arbeit: Vor mir stand ein ca. 180 km weites Radwegenetz, aus dem ich fünf Tagesetappen zu entwerfen hatte. Diese sollten einerseits gut geeignet für einen Freizeitradler sein und andererseits die Schönheit von Usedom zeigen.

Ich nahm mir zuerst die Etappe am Usedomer Strand zwischen Swinemünde und dem Wocknin-See vor. Zügig legte ich also meinen Ruhrgebiet-Pelzmantel ab. Und eigentlich hätte ich noch viel mehr ablegen müssen, denn ich radelte zu einem ganz besonderen Strand. Mit einer ganz besonderen Geschichte. Und die ging so: Eine Zeit lang wurde die Insel von DDR-Bürgern besiedelt. Zu jener Zeit wehte über dem Usedomer Strand eine schwarz-rot-gelbe Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Die DDR war ein Staat, in dem bekanntlich alle Bürger gleich sein sollten. Die Gleicheren von ihnen besetzten deshalb prompt die preußischen Prachtvillen. Die anderen dagegen hockten – und das aus eigener Überzeugung – nackt am Strand. Sie nannten das „Freie Körper Kultur“ – FKK. Dann fiel die Berliner Mauer und kurz darauf wehte über dem Usedomer Strand eine schwarz-rot-gelbe Fahne – nun aber ohne Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Mit der DDR verschwanden auch ihre „Gleicheren“; die FKK steuerte dagegen auf ihre besten Jahre zu. Einer ihrer beliebtesten Strände – zu dem ich gerade fuhr – entstand gleich an der deutsch-polnischen Grenze östlich von Ahlbeck. Eine Zeit lang ging alles gut, bis eine neue Fahne – diesmal blau mit Sternchen – gleichzeitig über dem deutschen UND dem polnischen Usedom-Strand wehte. Endlich war die Insel wieder eins, ohne eine nervige Grenze! So nahm Herr Kowalski seine Frau nach dem sonntäglichen Kirchengang auf einen Spaziergang. Sie stapften am Strand entlang von Świnoujście Richtung Westen, um endlich sehen zu können, was sich hinter dem Schild „Bundesrepublik Deutschland“ so versteckte. Und so begegnete Familie Kowalski ihrem neuen Nachbarn, Herrn Schmidt, der auf einmal vor ihnen dastand und – wie es am FKK-Strand üblich ist – nichts zu verstecken hatte… Bis er seine norddeutsche Einsilbigkeit überwand, waren die Kowalskis über alle Berge. Ihr Aufschrei hallte allerdings lange noch in den Rathäusern von Ahlbeck und Świnoujście nach…

Die Kaiserbäder: Von Weltbürgern und Naturmenschen

FKK hin oder her – der Usedomer Strand gehörte zu den schönsten an der gesamten Ostseeküste. 42 km lang und bis zu 70 m breit sorgte er mit seinem feinen Sand für höchste Strandgefühle. Ich sah schon den Kowalski in mir, wie er spontan in die Ostsee-Wellen hineinsprang. Doch der Schmidt in mir pfiff ihn zurück (zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen!) und so radelte ich gleich auf die Kaiserbäder zu. Sie – also Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin – bildeten von der Strandseite aus ein einzigartiges Ensemble aus eleganten Jugendstil-Villen, Luxushotels und – vor allem in Bansin -– schlichten hölzernen Sommerhäuschen, die einerseits für einen kosmopolitischen und mondänen, andererseits für einen ostseetypischen, naturnahen Charme der Insel sorgten. Eine Melange, die die Bäderarchitektur zum unverwechselbaren Wahrzeichen von Usedom erhob. Doch das war noch nicht alles, was aus den drei Orten eine der beliebtesten Urlaubdestinationen Deutschlands machte: Hier gab es noch die „längste Flaniermeile der Welt“ (12 km lange Europapromenade zwischen Swinemünde und Bansin), die zweitlängste Seebrücke Europas (508 m, Heringsdorf) mit einem herrlichen Strand und… einen gut – abschnittsweise mit roten Bodenplatten – ausgebauten Radweg, der wie ein ausgerollter roter Teppich an all dem Prunk und dem unvermeidlichen Trubel entlang verlief.  Der Weltbürger Schmidt in mir machte sogar schon die ersten Anzeichen, hier – mitten in dieser gediegenen Welt -auf ein Cappuccino anhalten zu wollen. Der Naturmensch Kowalski in mir spornte mich sofort an (erst die Arbeit, dann das Vergnügen!), kräftiger in die Pedalen zu treten. Und als ich dann noch an einer weißen Karosse  mit weißen Pferden und einem Fiaker in weißem Frack vorbei radelte, folgte ich schon ohne Widerstand dem Ruf der Usedomer Wildnis.

Von Grenzern und Radpionieren

Und wo sonst hätte es wilder sein können als an der streng bewachten DDR-Polen-Grenze? Dort, wo gestern noch die Grenzer patrouillierten, ist heute freies Radelland. Auf einem holprigen Pfad folgte ich der Grenze bis in den sog. Swinemünder Sack (poln. worek), wo die Grenze plötzlich im Zickzack verlief. Damals nach dem 2. Weltkrieg, als man noch nicht wusste, welche Fahne über welchem Teil Usedoms wehen sollte, zog man so ziemlich spontan eine gerade Grenzlinie zwischen dem Stettiner Haff und der Ostsee. Diese Linie verlief schnurgerade westlich von Świnoujście/Swinemünde und trennte die Stadt sauber vom Rest der Insel. Und gleichzeitig auch… von der einzigen Wasseraufbereitungsanlage, die die Stadt mit dem Wasser vom Wolgastsee versorgte. Erst 1950 erhielt die Stadt ihr Wasserwerk von der DDR zurück, nachdem der Grenzverlauf korrigiert wurde. Auf den Spuren dieses Grenzziehungsirrsinns radelte ich weiter zum Wolgast- und dann zum Gothensee. Idylle pur: Rehe hüpften zur Seite, ein Specht hämmerte irgendwo in der Baumkrone herum, der Kowalski in mir summte leise sein Liedchen… Bald bog ich nach Benz ein und radelte auf ein kleines Häuschen zu. Dieses beherbergte eine Ausstellung von Lyonel Feininger und – viel wichtiger! – ein Rad der Marke Cleveland Ohio von 1897. Mit so einem Rad erradelte Feininger zwischen 1908 und 1913 die gesamte Insel, insbesondere die Gegend um Mellenthin, Peppermint (Feiningers liebevolle Bezeichnung für das Benzer Nachbardorf Neppermin) bis nach Świnoujście/Swinemünde. 2009 entstand der Feininger-Radweg, der auf 56 km Länge zu den Malorten des Künstlers auf Usedom führt. Ein besseres Denkmal für den bekanntesten Maler Usedoms und den Radpionier der Insel hätte man sich nicht wünschen können. Denn dass der Radtourismus auf Usedom so beliebt wurde, ist sicherlich in einem gewissen Grade auch Feininger zu verdanken.

 Lieper Winkel: Wo sich Storch und Fischreiher nicht nur „Gute Nacht“ sagen

Ob er auch auf der Halbinsel Lieper Winkel malte, fand ich allerdings nicht heraus. Mit dem Rad war Feininger sicherlich auch hier unterwegs, denn dieses Fleckchen Erde gehörte zu dem einsamsten und gleichzeitig malerischsten Winkel der Insel. Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Lieper Dörfer nur vom Wasser aus erreichbar, über Jahrhunderte im Dornröschenschlaf versunken. Slawische Ortsnamen wie Liepe (Linde) oder Quilitz (in etwa Jammern) oder die älteste Kirche Usedoms in Liepe (13 Jh.) wiesen darauf hin, wohin die ersten Siedler zuerst gingen: Nämlich in das Usedomer Hinterland und nicht an die Küste eben. Die Straßen hier waren enger und seltener als sonst auf der Insel und schon bald mündeten sie in einem Feldweg. Ich fuhr gerade durch das Land der Trecker, der naturliebenden Wanderer und der Radler – eine weiße Karosse hier anzutreffen, wäre genauso unwahrscheinlich wie ein Wiedererscheinen der Familie Kowalski am Ahlbecker FKK-Strand. Doch von dem letzteren sowie dem Küstentrubel waren wir hier im stillen Rankwitz gefühlte Lichtjahre entfernt. Ein einsames Sträßchen führte an den malerischen Fischerhäuschen vorbei, und bald hörte die Asphaltstraße auf. Ich radelte durch das Lieper Naturparadies: Links von mir schlugen die blauweißen Wellen gegen Schilf und Strand – wie eine blaue Schleife schlängelte sich hier der Peenestrom zwischen Wiesen, Feldern und Wald. Rechts dagegen schlummerte in der Idylle des Hinterlands immer wieder ein einsames Fischerhaus. Einsam und still – zu hören waren nur ein Usedomer Storch und ein Fischreiher, die sich über einen einsamen Radler mit einem Platten am Hinterrad amüsierten… Tatsächlich ruckelte mein Rad schon eine Weile irgendwie verdächtig. Doch die Landschaft vor mir war so herrlich, und was hinten geschah, nahm der Kopf vorne nicht gleich wahr… Der Schmidt in mir war schon dabei, das Handy zu zucken (Pannendienst!), doch der Kowalski in mir schüttelte nur den Kopf (zu teuer!). Ich machte mich also daran, den Schlauch zu flicken. Der Schmidt stand dabei (nicht meine Arbeit!), pfiff sein Liedchen und schaute nervös auf die Uhr, bis Kowalski wieder auf die nächste Bar zu sprechen kam (Cappuccino!). Dann packten wir alle drei an, flickten den Schlauch und fuhren einträchtig durch die wunderschöne Usedomer Inselwelt und fuhren. Bis der letzte Radkilometer erradelt war, bis der letzte Cappuccino auf der Insel ausgetrunken war…

 

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