Flüchtlingseinsatz auf der Sea-Eye – Ein Anfang.

Während unserer Reisen durch die arabische Welt und Teile Afrikas durften wir die Herzlichkeit, (Gast-)Freundschaft und das Interesse der Menschen erfahren, die nun vor dem Nichts stehen. Oft wurden wir mit einer Freundlichkeit aufgenommen, die wir in dieser Art noch nicht erlebt hatten, oft teilten Familien das Wenige mit uns, das sie hatten.

Mit Erschrecken sehen wir nun die Zerstörung und das Elend, dass Krieg und Terror dem Land und seinen Menschen zufügen. Sie haben alles verloren, und ihre Welt liegt in Trümmern. Familien werden getrennt, ohne zu wissen, ob der andere Teil überhaupt noch am Leben ist. Sie begeben sich auf eine Reise, deren Ausgang offen bleibt. Eine Reise, bei der sie nicht einmal wissen, ob sie sie überleben werden, und wo ihr Ziel ist. Eine Reise ins Ungewisse, geprägt von Durst, Hunger, Trauer und Angst.

Die Arbeit mit Flüchtlingen

Vor einigen Monaten fassten wir den Entschluss, uns an der Arbeit mit Flüchtlingen zu beteiligen. Auf der Suche nach einem passenden Projekt sind wir so auf Sea-Eye e.V. gestoßen, einen jungen Verein aus Regensburg, der einen alten DDR-Fischkutter kaufte und diesen in Rostock umbauen ließ. In den letzten Wochen wurde er von dort durch den Nordostseekanal über Brest und Gibraltar, bis nach Sizilien überführt, wo er nun liegt bis er zu seiner ersten Fahrt übers Mittelmeer aufbrechen wird.

Mit unserem Engagement bei Sea-Eye e.V. haben wir so einen Weg gefunden, den Menschen einen Teil dessen zurückzugeben, was wir jahrelang von ihnen erfahren durften.

Europa und die Flüchtlinge

Die aktuelle und katastrophale Situation von Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa beschäftigt die Welt seit vielen Monaten. Obwohl der internationale Fokus in diesen letzten Monaten hauptsächlich auf den Geschehnissen der griechischen Inseln, der Türkei und der Balkanroute lag, starben viele Menschen immer noch auf ihrem Weg von Nordafrika nach Europa. Mit der Schließung der Balkanroute rückt die Bedeutung der Route von Libyen über das Mittelmeer nach Europa wieder stärker ins Visier der Schlepper. Im Moment warten zehntausende von Menschen auf geeignete Wetterbedingungen, um sich auf die gefährliche Überfahrt zu uns zu machen.

Dabei werden sie von Schleppern in völlig überfüllte Schlauchboote gesetzt, ausgestattet mit einem viel zu schwachen Motor. Die Boote sind häufig nicht einmal dafür ausgelegt, die europäischen Küstengewässer zu erreichen, aus Mangel an Kraftstoff, fehlender navigatorischer Ausrüstung und Kenntnisse. Nur ein Bruchteil der Boote schafft es aus eigenem Antrieb, die italienische Küste zu erreichen. Viele tausend Menschen werden diese Überfahrt nicht überleben.

Die Arbeit auf der Sea-Eye

An dieser Stelle möchte die Sea-Eye ansetzen. Sie wird außerhalb der 12-Meilen-Zone vor der libyschen Küste, also in internationalen Gewässern, kreuzen und den Menschen in Seenot helfen. Die schwierigste Aufgabe dabei ist, die Menschen im weiten Meer überhaupt zu finden. Auf dem Radar sind sie nicht zu sehen, so dass wir tagsüber den Horizont mit dem Fernglas absuchen müssen, während wir uns nachts auf die Umrisse von Booten, kleine Lichtpunkte oder Hilferufe konzentrieren müssen.

An Bord transportieren wir hunderte von Schwimmwesten und dutzende Rettungsinseln, um die Sicherheit der Schiffbrüchigen zu gewährleisten und sie zu sichern und zu versorgen, bis die italienische Küstenwache eintrifft. Diese übernimmt die Menschen und bringt sie nach Italien. Die Sea-Eye selbst darf Flüchtlinge nur im Notfall aufnehmen, um sich nicht dem Verdacht der Schlepperei auszusetzen. Daher besteht ihre vorrangige Aufgabe auch darin, die Menschen in Seenot zu finden und deren Überleben und Sicherheit bis zum Eintreffen der Küstenwache sicher zu stellen.

Die Besatzung der Sea-Eye

Die Besatzung der Sea-Eye besteht aus einer 8-köpfigen Crew ehrenamtlicher Helfer, die im Turnus von zwei Wochen gemeinsam auf See sein wird. Am 8. April startet sie nun zu ihrer ersten Fahrt an die nordafrikanische Küste, wo sie bis Oktober bleiben wird. Dann wird das Meer zu stürmisch, das Wetter zu schlecht werden, so dass sich bis zum nächsten Frühling keine Menschen mehr auf die Boote trauen werden. Start- und Zielhafen der Sea-Eye wird Malta sein.

Wir werden Ende April zu der Crew der Sea-Eye stoßen. Dieser neuen und unbekannten Aufgabe blicken wir voll Spannung entgegen. Was uns dort erwarten wird können wir nur vage erahnen. Was werden wir erleben? Was werden wir sehen? Wir wissen es nicht.

Über unsere Eindrücke, Erlebnisse und den Einsatz auf der Sea-Eye werden wir in den nächsten Wochen in diesem Blog berichten.

Euer Christian

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