Im Takt der letzten Pferdekutschen Europas

Bună ziua! Seit meiner ersten Reise in den Osten Europas treibt es mich immer wieder dorthin – nun bereits das 6. Mal. Diesmal mit meinem ausbildenden Veranstalter auf eine Radreise durch Transsilvanien, Rumänien. Ich wollte mich selbst davon überzeugen, dass Rumänien eben doch mehr zu bieten hat als Armut und Dracula. Und das sollte sich schon bald beweisen – aber lest selbst.

Ankunft in Sibiu

Beim Landeanflug auf Sibiu breiten sich dichte Wälder, bunte Häuser mit roten Dachziegeln und die Westkarpaten vor meinen Augen aus. Unser einheimischer Reiseleiter, Stefan Vaida, empfängt uns mit offenen Armen am Flughafen und bringt uns zur ersten Unterkunft. Nach dem Bezug der Zimmer locken uns Neugierde und Hungergefühl in die Altstadt. Da es Samstagabend ist und eine Veranstaltung im Gang ist, steckt das Zentrum voller Leben – überall fröhliche Menschen und spielende Kinder.

Mit dem Rad auf’s Land

Am nächsten Tag führt uns unsere erste Radtour nach einer kurzen Stadtbesichtigung vom Stadtleben mitten aufs Land. Unser Ziel ist ein Biohaus in dem kleinen Dorf Nucet, wo wir mit frischem Essen aus dem hauseigenen Gewächshaus verwöhnt werden. Bei einem „Verdauungsspaziergang“ beobachten wir unter den streng wachenden Augen der Schäferhunde, wie die Sonne im Abenddunst hinter den Südkarpaten verschwindet.

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Mittagessen bei Familie Vaida

Biohaus und Biobauer

Anstelle meines Weckers werde ich an diesem Morgen vom Krähen eines Hahnes wach. Draußen im Garten grast ein Pferd, unbeeindruckt von den herumtollenden Hunden. Hier ist die Welt noch in Ordnung! Nichtsahnend von all dem, was uns heute noch alles erwarten würde, schwingen wir uns wieder auf die Räder. Unter den etlichen Dörfern durchqueren wir auch die Heimat unseres Reiseleiters, den hier alle nur liebevoll Steffi nennen. Von Mama und Papa Vaida, seiner alten Lehrerin und Freunden aus dem Dorf werden wir herzlich in den Kreis der Gemeinde aufgenommen. Zwischen Musik und Gesang lassen wir uns das selbstgemachte Essen schmecken und lauschen Geschichten aus seiner Kindheit.

Das Ziel und Highlight unserer heutigen Tour ist der Besuch des Biobauers Willy und seiner Familie. Das Aufgetischte übertrifft all unsere Erwartungen und ist nicht nur für den Magen, sondern auch für die Augen ein Festmahl. Natürlich alles aus eigener Produktion! Gut gesättigt radeln wir zu einer nahegelegenen Kirchenburg, von deren Glockenturm man eine wunderbare Aussicht auf das idyllische Dorf und den Bauernhof der Familie Schuster hat. Zurück geht es mit den Pferdekutschen nach Biertan.

Mittelalter und Klöster in Sighisoara

Da wir am Vortag alles aufgegessen haben, begrüßt uns der nächste Tag mit sehr gutem Wetter. An Mais- und Sonnenblumenfeldern vorbei geht es Richtung Sighisoara, einer mittelalterlichen Stadt mit vielen kleinen Gassen und großen, fast mediterranen Plätzen, wo sich Jung und Alt trifft.

Die folgenden Tage stehen im Namen der Klöster der Moldau und der Bukowina, wo uns unser Busfahrer Ferri hinbringt. Wir besuchen die bekanntesten, größten und schönsten. Die meisten sind noch sehr gut erhalten, obwohl die Malereien, die historische und biblische Szenen zeigen, schon mehrere Jahrhunderte alt sind. Wir verbringen sogar selbst zwei Nächte innerhalb der Mauern des Mönchsklosters Neamt.

Wir erklimmen den Ciumarna-Pass

Eine letzte und anstrengende Radtour erwartet uns am 10. Tag: wir erklimmen den Ciumarna-Pass, der rund 1.100 m misst. Ganze 11 km geht es leicht bergauf, bevor man im Nebel das Denkmal in Form einer Hand auftauchen sieht, das zu sagen scheint „High five, du hast es geschafft!“. Von hier folgt eine lange und umso entspanntere Abfahrt ins Tal, die nur durch einige Fotostopps unterbrochen wird, denn der Nebel lichtet sich langsam. Zwischenzeitlich erinnert die Landschaft an den Schwarzwald. Übernachtet wird in einem Hotel auf dem Tihuta-Pass, von dem man einen traumhaften Ausblick hat.

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Ausblick vom Ciumarna-Pass

Die Fahrt zurück nach Sibiu ist zwar lang, wird aber durch einen Besuch bei den sogenannten Kesselzigeunern aufgelockert. Wir dürfen ihnen bei ihrer Arbeit mit Hammer und Messing zuschauen, das ein oder andere Souvenir erwerben und erfahren einiges über ihre Lebensweise. Zurück in Sibiu nehmen wir noch ein letztes gemeinsames Abendessen ein.

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Ausblick von der Stadtpfarrkirche in Hermannstadt

Der Abreisetag wird von allen unterschiedlich genutzt: einige besuchen das Freilichtmuseum, einige brechen bereits zu ihrer privaten Verlängerung auf und einige bummeln ein wenig durch die Stadt, um letzte Mitbringsel zu besorgen oder ein letztes Mal die Sonne zu genießen, bevor es am Abend zurück ins kalte und regnerische Deutschland geht.

Rumänien ist definitiv ein Land, das sich seinen Stolz und seine Traditionen trotz der vielen Wandel in den letzten Jahren und Vorurteile von außen behalten hat. Die landschaftliche Schönheit, die Ruhe der kleinen Dörfern und die Ursprünglichkeit der Landwirtschaft lassen einen die Zeit vergessen. Wer das echte Rumänien erleben möchte, so wie ich es in den vergangenen 12 Tagen kennen lernen durfte, sollte dies tun, bevor es sich nicht mehr wesentlich von den westlichen EU-Ländern unterscheidet.

„In Transsilvanien messen die Uhren nicht die Zeit, sondern die Ewigkeit“, so ein rumänisches Sprichwort. Und so ist es.

Danke an meine Gruppe und unseren vielseitigen und heimatliebenden Reiseleiter, der uns seine Kultur lebendig nahe gebracht und auch aller letzte Vorurteile mit viel Feingefühl abgebaut hat. Es war eine tolle Zeit und wir können stolz auf viele zurückgelegte Kilometer und überwundene Höhenmeter zurückblicken!
La revedere! (Auf Wiedersehen!)
Eure Lara
Du willst auch so etwas erleben? Hier geht es zur Reise „Im Takt der letzten Pferdekarren Transsilvaniens“.

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