Sauerei? Ziegerei! Eine Trekkingtour durch Marokko

Ich weiß nicht, wie lange wir uns schon kennen. Ich kann mich aber an eine Begegnung vor langer, langer Zeit am Flughafen in Marrakesch erinnern. An eine Wikinger-Gruppe, die sich von ihrem Reiseleiter verabschiedete und dabei merkwürdiges Deutsch sprach: Von „zu- und abschatten“, von einer „Ziegerei“ und einem Flieger, der Brahim nicht verpassen wird…

Seid Ihr schon mit Brahim Jabir gereist? Nein? Dann geht es Euch wie mir damals: Ich habe kein einziges Wort von diesem merkwürdigen Kauderwelsch-Deutsch verstanden. Als ich dahinter kam, wusste ich gleich: Eine Marokko-Reise mit Brahim ist eine Reise in die Seele Marokkos. Und der Schlüssel zur Marokkos Seele ist die Sprache.

Vor drei Wochen waren wir wieder gemeinsam unterwegs. Von den Felszacken des Jebel Saghros zu den Sanddünen Erg Chegagas, um eine neue Reise auszukundschaften. Wir fuhren in Marrakesch los, der kräftige Regen sorgte dafür, dass wir kaum etwas von der Außenwelt sahen.

Wir unterhielten uns also. Und „schattig sein“ kam zunächst zur Sprache. Denn „schattig sein“ kann man nur in einem Land, wo viel Sonne scheint. Und „dick werden“ oder „zunehmen“ ist nicht fein genug für die Art, wie sich die Marokkaner unterhalten. Also wenn man „zunimmt“, wirft man einen größeren Schatten. Keine Frage, es ist doch eine viel schönere Art, das „Dickwerden“ zu beschreiben.

Nun schatteten die Wolken draußen ab und irgendwann hörte es auf gegen die Scheiben zu prasseln. Wir stellten unsere Zelte am Fuße des Jebel Saghro auf und gingen gleich schlafen.

Noch vor Sonnenaufgang gingen wir los; es war noch ganz schön… schattig.

Pünktlich – auf deutscher Art!- gingen wir los. Denn die marokkanische Art der Pünktlichkeit wünscht sich bei diesen Temperaturen keiner: Eine genaue Uhrzeit nennt man hierzulande nicht. „Wir treffen uns nach dem dritten Gebet“. Also irgendwann zwischen Mittag und Abend. Und wenn man bei der Verabredung/Einladung versehentlich sagt „bring mal die Familie mit“, dann kommen sie tatsächlich ALLE. 30 Mann. Irgendwann zwischen Mittag und Abend.

Wir wanderten zum Glück zu zweit. Und erreichten zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Ort: Tadaout Teblah. Ein Amphitheater. Umgeben von hunderten Felsnadeln standen wir und staunten. Bis Brahim, der dieses Spektakel wohl schon zum hundertsten Mal sah, die Kamera zog. „Noch nie um diese Uhrzeit hier gewesen“. Will schon was heißen.

Wir gingen weiter und unterhielten uns. Über den marokkanischen Erfindungsgeist, den ich bei meiner letzten Reise beobachtete. In der engen Mgoun-Schlucht baute ein Bauer ein Schnellrestaurant. Und schnell beobachtete er, dass seine Kunden immer wieder versuchten, von ihren Handys aus anzurufen. Doch es klappte nie. Er wusste aber die einzige, etwas breitere Stelle in der ganzen Schlucht, von wo ein Anruf möglich war: Es musste allerdings an diese Stelle alles stimmen: der richtige Neigungswinkel des Handys, der richtige Netzanbieter usw. Er baute also ein Holzgerüst, befestigte ein Handy und… das Geschäft läuft wohl noch heute…

Nach drei Trekkingtagen erreichten wir unsere Lodge in Nkob. Ein Paradies. Mit Handyempfang ohne Holzgerüst. Aber auch ohne die beiden war das Hotel ein Traum.

Dann zogen wir weiter in die Wüste. Es regnete wieder. Wir unterhielten uns. Über die Art, wie man die Verspätung in Marokko entschuldigt. Oh ja, auch in diesem Fall gibt es kulturelle Unterschiede: Während man in Deutschland sagt: „Ich habe den Bus verpasst“, dreht man in Marokko aus irgendeinem Grund den Spieß um: „Der Bus hat mich verpasst“. Es ist nun mal so: Pünktlichkeit scheint in Marokko von vielen, allerdings nur äußeren Faktoren abhängig zu sein. Auf die will man persönlich ja gar keinen Einfluss haben … Brahim lachte. Die erwähnte Wikinger-Gruppe am Flughafen in Marrakesch lud ihn mit diesen Worten nach Deutschland ein: „Und pass bloß auf, dass das Flugzeug dich nicht verpasst“.

Um den Sonnenaufgang auf der höchsten Düne nicht zu verpassen, machten wir uns noch in Dunkelheit hinauf. Als wir oben ankamen, war die Sonne noch nicht da. Wir kauerten uns und warteten ab. Brahim erzählte, wie er Deutsch gelernt hatte und seine erste deutsche Gruppe führte. Einer der Gäste bat ihm, ihn um halb acht zu wecken. Halb acht, meinte Brahim, ist die Hälfte von acht. Also weckte er den Gast um vier Uhr morgens. Und verstand nicht, warum der Gast dann auf einmal so aufgebracht war. Danach bestellte die Gruppe den Weckdienst lieber um sieben Uhr dreißig…

Kurz vor sieben Uhr ging die Sonne auf. Der Himmel war leicht bewölkt und dennoch war das wieder ein Naturspektakel.

Wir stiegen von der Düne ab und fuhren nach Marrakesch.

„Sauerei, schon wieder ist eine schöne Reise vorbei“, sagte ich.

„Sag weder Sau noch Schwein. Die gibt es nämlich bei uns nicht“ erwiderte Brahim. „Wir haben Ziegen. Du musst in diesem Fall >>Ziegerei<< sagen“.

Wir lachten.

Ziege gehabt, dass ich die Reise mit Brahim machen durfte.

Darek

Die Reise von Jebel Saghro zu den Dünen von Erg Chegaga nehmen wir demnächst ins Programm auf.

 

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