Das Ende der Welt: Patagonien & Feuerland

Der südlichste Zipfel Südamerikas ist ein raues Pflaster; Patagonien fordert den Reisenden heraus. Das Klima ist rau, der Wind berüchtigt, die Sonne eine launische Diva. Doch bevor wir den Spuren von Bruce Chatwin und Charles Darwin folgen, stimmen wir uns in Buenos Aires auf Argentinien ein. Das Zentrum der Stadt ist imposant und geschichtsträchtig zugleich, die vielen altehrwürdigen Cafés laden zu einer kleinen Zeitreise ein und den ersten Abend krönt der Genuss eines argentinischen Steaks begleitet von einem runden Malbéc-Rotwein.

In der Pampa

Die Weite Patagoniens erfahren wir gleich zu Beginn: von Comodoro Rivadavia bis zum See Los Antiguos fahren wir einen ganzen Tag, ohne eine nennenswerte Stadt zu passieren. Trockene Sträucher, eine schier endlose Straße und skurrile Wolkenformationen begleiten uns an diesem Tag. Der Los Antiguos See erstrahlt tiefblau.

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Die Handabdrücke in der Cueva de los Manos sind Unesco Weltkulturerbe.
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Ein kurzer Wander-Zwischenstopp führt uns in eine Schlucht.

Am Folgetag besichtigen wir die Cueva de los Manos, die Höhle der Hände. Die prähistorischen Zeichnungen sind UNESCO Weltkulturerbe und beeindrucken durch ihre gut erhaltene Qualität. Wieder nächtigen wir an einem See, dem Lago Posadas, und werden bei unserer ersten Wanderung zeugen des kräftigen patagonischen Windes. Einer patagonischen Taufe gleich peitscht uns der Regen entgegen. Wir trotzen dem Wetter, so mancher genießt die steife Brise, denn genau das macht Patagonien doch aus.

Der Nationalpark Los Glaciares

Und plötzlich stehen sie da: die Anden. Majestätisch, gewaltig, Naturschönheiten. In El Chalten, dem Dorf am Fuße des Fitz Roy Massivs, sind wir unter Gleichgesinnten. Jeder stapft mit matschigen Wanderschuhen durch den kleinen Ort, in den Bäckereien gibt es allerhand Proviant, das Wetter diktiert den Alltag der Menschen. Vier Nächte verbringen wir in diesem „Trekkerdorf“ und es lohnt sich, wirklich!

Das markante Fitz-Roy Massiv.
Das markante Fitz-Roy Massiv.

Eine Wanderung führt uns an den Fuß des Cerro Torre, eine beeindruckende Felsnadel, deren Charakteristikum eine hellblaue Eishaube ist. Wir durchqueren sattgrüne Lenga– und Ñirrewälder, die uns vor dem Wind schützen. Eine zweite Wanderung führt uns im Schatten des 3406m hohen Fitz Roy bis zur Laguna de los Tres. Es ist eine anspruchsvolle Wanderung, da der letzte Aufstieg steil über einen Geröllweg führt. Ohne den schützenden Wald spüren wir den Wind wieder mit all seiner Kraft. Der Gletschersee ist zugefroren, oben stapfen wir über mehrere Schneefelder und der Fitz Roy tut seinem Namen alle Ehre: er versteckt sich in Wolken (sein indianischer Name ist Chaltén, was „der Rauchende“ bedeuetet. Die Tehuelche-Indianer glaubten, die Wolken seien Rauch eines Vulkans). Wir sehen außerdem den ersten Gletscher mit dem hübschen Namen Piedra Blanca (dt.: weißer Stein), der unsere Gruppe auf den Geschmack bringt: ein (fakultativer) Ausflug zum Viedma Gletscher kann am folgenden Tag organisiert werden. Der Viedma Gletscher ist einer der wenigen Eisriesen, auf denen man laufen darf.

Überquerung eines Schneefeldes unterhalb des Lago de los Tres.
Überquerung eines Schneefeldes unterhalb des Lago de los Tres.
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Geröll, Schnee, Eis, Sturm. Der Aufstieg zur Laguna de los Tres ist abenteuerlich.
Der Piedra Blanca Gletscher am Fuße des Fitz Roy.
Der Piedra Blanca Gletscher am Fuße des Fitz Roy.

Perito Moreno & die Farben des Eises

Immer noch im Bann des Eises fahren wir nach El Calafate, wo sich der berühmte Perito Moreno Gletscher in all seiner Pracht zeigt.

Es hätte kein besserer Tag sein können: die Sonne strahlt wärmend herab, der Gletscher kalbt mehrfach und wir sind einfach nur: sprachlos und begeistert! Von den Farben des Eises, der schieren Größe des Gletschers (er ist größer als Buenos Aires) und dem imposanten Krachen der Eisblöcke, die in den Lago Argentino fallen. Sissi, unsere lokale Reiseleiterin, erklärt uns nicht nur viel über El Calafate und den Perito Moreno Gletscher, sondern gibt uns auch einen kleinen Einblick in das Leben der deutschen Auswanderer in Argentinien. Ihre Großeltern waren aus Deutschland nach Argentinien ausgewandert, noch heute gibt es deutsche Schulen und das Oktoberfest wird gefeiert. Immer wieder wird mir auf dieser Reise bewusst: Die Geschichte dieses Landes und seiner Leute ist genauso fesselnd, wie die Natur selbst.

Der Perito Moreno Gletscher strahlt in diversen Blautönen.
Der Perito Moreno Gletscher strahlt in diversen Blautönen.
Mit einem Katamaran kommt man ganz nah an den Gletscher heran.
Mit einem Katamaran kommt man ganz nah an den Gletscher heran.

Abstecher nach Chile: der Torres del Paine Nationalpark

Die „Türme des blauen Himmels“, wie die Torres del Paine im gleichnamigen Nationalpark Chiles übersetzt heißen, haben wie das Fitz Roy Massiv eine markante Form: drei, beinahe vertikal emporragende Granitberge. Um ihnen ganz nah zu kommen, unternehmen wir eine insgesamt 18km lange Wanderung, die mit über 1000 Höhenmetern unsere Kräfte fordert. Der anfängliche Regen lässt glücklicherweise nach und auch wenn die Türme nicht vor blauem Himmel stehen, so ist die gesamte Kulisse doch herausragend. Die Glücksgefühle, den See am Fuße der Türme erreicht zu haben, tragen mich (beinahe) hinunter. Der kommende Tag zeigt dann, was der Name verspricht: einen leuchtend blauen Himmel! Die Farben sind intensiv: die gelben Calafatesträucher strahlen, die Gletscherseen funkeln im Sonnenlicht. Voller Euphorie erklimmt unsere Gruppe einen Aussichtspunkt, von wo wir das Torres del Paine Massiv in all seiner Pracht erblicken.

Die Cuernos (Hörner) des Torres del Paine Massivs.
Die Cuernos (Hörner) des Torres del Paine Massivs.
Wanderung zum Aussichtspunkt des Torres del Paine Massivs.
Wanderung zum Aussichtspunkt des Torres del Paine Massivs.
Guanacos
Guanacos, eine frei lebende Kamelart in Patagonien.
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Ein Ibis auf dem Weg ins Nass.

Feuerland & die südlichste Stadt der Welt

Dass die Distanzen immens sind, spüren wir immer wieder. Bis nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, liegen immer noch viele Kilometer vor uns. Dadurch haben wir die Chance, ein wenig von Chiles Süden zu sehen: über die Hafenstädte Puerto Natales und Punta Arenas gelangen wir zur Magellanstraße. Auf der Fähre, die uns über diese geschichtsträchtige Meeresenge befördert, wächst dann die Vorfreude auf Feuerland. Die Landschaft ist karg, einzig die patagonischen Schafe scheinen der Kälte trotzen zu wollen. Eine letzte Wanderung führt uns zum südlichsten Postamt der Welt, wieder ein Superlativ. Noch einmal erkunden wir den patagonischen Wald, erspähen einen Magellanspecht beim Werk und lernen von unserem Wanderführer, wie die ursprünglichen Feuerländer, die Yamana-Indianer, in dieser Region lebten.

Die südlichste Stadt der Welt: Ushuaia.
Die südlichste Stadt der Welt: Ushuaia.
Mit der Fähre über die Magellanstraße.
Mit der Fähre über die Magellanstraße.

Das Beste kommt zum Schluss, oder zumindest ein wahres Highlight: wir fahren mit einem Katamaran den Beagle-Kanal entlang. Die Wasserstraße verbindet den Atlantik mit dem Pazifik, ihren Namen verdankt sie dem Robert Fitz Roy, dem Kapitän des Expeditionsschiffs HMS Beagle, auf dem Charles Darwin seine weltberühmte Weltumrundung machte. Wir entdecken Seelöwen und Robben, laut schnatternde Kormorane und dann: Pinguine! Sie zu beobachten ist ein bewegender Moment.

Seelöwe_Vögel

Ein Magellanpinguin.
Ein Magellanpinguin.

Patagonien ist eine Region, die sicher zu den einzigartigsten unseres Planeten gehört. Zwischen der patagonischen Einöde, der Pampa, und den majestätischen Andengipfeln entdeckte ich meine Liebe für die Weite und Leere- der komplette Kontrast zum Großstadtleben. Gleichzeitig strotzt diese Region vor Leben: Wildblumen, Guanakos, Straußenvögel und zerklüftete Berglandschaften ziehen den neugierigen und naturliebenden Besucher in ihren Bann.

Blumenpracht im kargen Patagonien
Blumenpracht im kargen Patagonien
Bunte Papageien leben in Scharen in den Lengawäldern.
Bunte Papageien leben in Scharen in den Lengawäldern.

Man sagt, wer eine Beere des Calafatebusches esse, der kehre nach Patagonien zurück:

Ich habe mir Einige schmecken lassen.

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