Lagebericht Sea-Eye

Wir liegen im Hafen von Malta.

Neben uns das Schiff der Ärzte ohne Grenzen, dahinter die Sea Watch 1 und Sea Watch 2. Aufgrund schlechten Wetters können wir alle nicht auslaufen. Schlecht, denn momentan befindet sich kein Boot zur Rettung im Suchgebiet. Vor 3 Tagen ist nur 4 Seemeilen vor der libyschen Küste ein Boot mit Flüchtlingen gekentert, und alle 90 Insassen sind ertrunken. Im Moment haben wir Windstärken ab 6 Beaufort aufwärts, Wellen 1,5 – 2 Meter und im Suchgebiet sogar bis zu 4 Meter. Gestern morgen bekamen wir eine Navtex-Meldung über ein Fischerboot mit Flüchtlingen in Fahrt, weitere Meldungen sind seitdem nicht mehr eingegangen. Wir können nur hoffen, dass es gut gegangen ist.

Sea Eye Im Hafen
Die Sea-Eye an ihrem Liegeplatz im Hafen von Malta

Zur Zeit ist ein Auslaufen für die Schlauchboote der Flüchtlinge an der libyschen Küste auch nicht möglich.

Der Wind kommt aus N-NW und die Flüchtlingsboote würden von Wind und Welle immer wieder auf den Strand zurückgedrückt werden. Besseres Wetter erwartet uns ab Mittwoch, so dass wir ab dann wieder mit vermehrter Migration rechnen werden. Für uns bedeutet dies, dass wir wahrscheinlich morgen bei Sonnenaufgang und schwerer See auslaufen werden. Die Überfahrt zur 24-Meilen-Zone vor Libyen wird circa 24 Stunden dauern, und wir wollen zum Morgengrauen dort sein. Es wird sicherlich hart für die Crew, aber so sind wir dann vor Ort, wenn wir gebraucht werden. Die Flüchtlingsboote stechen bei Nacht in See und befinden sich meist in der Morgendämmerung an der 24-Meilen-Zone, wo wir sie aufnehmen bzw. sichern können.

Bis 12 Seemeilen außerhalb eines Landes befindet sich dessen Hoheitsgebiet und hat dort die volle staatliche Gewalt, kann eine Einfahrt in ihr Hoheitsgebiet verwehren bzw. ein Schiff zwingen, ihnen zu folgen. Man betritt dann dieses Land und muss offiziell einreisen. In der Seefahrt nennt man das „Einklarieren“.

Die 12-Seemeilen-Zone

Um diese 12-Meilen-Zone befindet sich eine sogenannte erweiterte Wirtschaftszone von weiteren 12 Seemeilen. In dieser Zone hat das Land das Recht, stichprobenartige Kontrollen durchzuführen. Dies können polizeiliche, wirtschaftliche oder Zollkontrollen sein. Sie können alles zur Anzeige bringen, dürfen aber niemanden zwingen, ihnen zu folgen.

Im Seenotfall gilt dies allerdings nicht, man hat sogar die Verpflichtung, diesem nachzugehen und zu helfen, auch innerhalb der 12-Seemeilen-Zone. Bei politisch instabilen und schwierigen Ländern wie Libyen kann eine Einfahrt allerdings zu ernsthaften Konsequenzen führen. So ist ein anderes Seenotrettungsboot vor ein paar Tagen von der libyschen Küstenwache gezwungen worden, ihnen zu folgen. Als dieses sich weigerte, wurde eine Salve über das Boot geschossen, danach kamen 2 Männer ohne Uniform an Bord, mit geladenen Maschinengewehren in der Hand. Nach ein paar Minuten deeskalierte die Situation, und die Männer zogen wieder ab.

Wir müssen jedes Mal genau überlegen und entscheiden, ob wir das Risiko auf uns nehmen oder nicht. Dabei wird die Meinung jedes Crewmitglieds entscheidend, alle Risikofaktoren müssen eingehend geprüft und abgewogen werden.

 

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