Sea-Eye – Seenotrettung mit dem Beiboot Charlotti

Die Zeit bis zum Auslaufen nutzen wir zur Vorbereitung auf den Notfall. Das wichtigste Kriterium ist dabei der Einsatz mit unserem Rettungsboot Charlotti. Neben dem Co-Skipper und Christian werde ich auch an Bord sein.

Im Falle der Sichtung eines Flüchtlingsbootes wird Folgendes passieren:

Die Schiffshupe oder die Schiffsglocke rufen zum Einsatz und alle Besatzungsmitglieder auf ihre Position. Ein Seenotruf wird direkt abgesetzt und Rettungsmaßnahmen eingeleitet werden. Für uns bedeutet das konkrete Unterstützung durch offizielle Rettungsschiffe.

Der Skipper übernimmt das Ruder und ein Ausgucker ist ihm zur Seite gestellt, der das Flüchtlingsboot nicht aus den Augen lässt. Die Beiboot-Mannschaft mit Helm und Rettungsweste findet sich am Beiboot in der Walback ein und lässt dies mit Hilfe eines Kranes ins Wasser. Jeder Handgriff dabei muss sitzen, jeder exakt seine Aufgabe erfüllen, auch wenn Wellen das Stehen auf zwei Beinen fast unmöglich machen.

Unser Fischtrawler ist natürlich nicht für solche Anlässe gebaut und das Ausbooten und Einsteigen bei 2-3 Meter Welle ist ein heikles Unterfangen. Ich bin die Zweite, die über die Bordwand klettert und positioniere mich in der Mitte des Bootes am Funkgerät. Ich sorge für die Kommunikation zwischen Brücke und uns, da die Sea-Eye aus Sicherheitsgründen rund 1 Seemeile entfernt bleiben soll. Zu groß ist die Gefahr einer Panik auf dem Flüchtlingsboot, wenn alle auf einnmal auf eine Seite kommen und am Ende über Bord gehen. Bei den Wellen auf dem Meer kann Charlotti sehr schnell aus der Sicht der Sea-Eye geraten, und so ist der Funk die notwendige und auch lebensrettende Verbindung zum Mutterschiff.

Nach mir werden Rettungsmittel geladen. Dazu gehört eine Rettungsinsel, um im Zweifelsfall die Flüchtlinge dort zu bergen oder um das Schlauchboot bei Überfüllung zu entlasten. Danach kommen Rettungswesten an Bord. Wir haben noch unser Schlauchboot Muli, dass Charlotti hinter sicher herziehen kann. Der Letzte, der einsteigt ist Christian. Er soll die Rettungswesten vergeben und den ersten Kontakt zu den Flüchtlingen herstellen.

Haben wir Kurs auf das Boot aufgenommen, werden wir es zunächst in einem sicheren Abstand umfahren, damit uns auch jeder Mensch auf dem Boot sehen kann. Egal wir hoch die Welle oder wie groß die Anstrengung für uns ist, eines ist klar: Wir werden lächeln. Sie sollen wissen, wir kommen und es wird alles gut werden. Je näher wir kommen, desto mehr kann ich erkennen, ob das Schlauchboot Luft verloren hat und zu sinken droht, oder ob es erst einmal stabil ist.

Ich kann die Personenanzahl und ihren Zustand einschätzen und einen Überblick bekommen, ob Schwangere oder Kinder an Bord sind, die wir aufnehmen werden. Diese Informationen sind für die Brücke sehr wichtig und werden über Funk weitergegeben. Ich bin sozusagen das Auge der Sea-Eye. Dort kann dann Wasser, weitere Rettungsinseln oder anderes vorbereitet werden, das wir dann nach und nach an den Einsatzort bringen können.

Ist das Schiff soweit stabil und alle Personen mit Rettungswesten und Wasser versorgt, wird gemeinsam abgewartet, bis ein Schiff zum Bergen und Aufnehmen der Personen zur Stelle ist. Koordiniert wird das von der MRCC Rom (Maritime Rescue Coordination Center), der zuständigen Leitstelle. Ein Umsetzen von Personen auf hoher See birgt immer Gefahren und Risiken, die man die Menschen nicht aussetzen muss. Sie sind durch die Fahrt auf dem Meer dehydriert, erschöpft und viele können nicht schwimmen.

Sobald der Einsatz übergeben wurde, machen wir uns weiter auf die Suche nach Flüchtlingsbooten und Schiffbrüchigen, immer entlang der 24 Seemeilen-Zone. Haben wir flache See und für die Flüchtlinge günstigen Wind, so kann man mit vielen Booten pro Tag rechnen.

Was meinst du dazu?