„Tud dret“ – alles bestens – auf Santo Antao

Es war eine Premiere: Noch nie hatte Lena Ehrlich, unsere Begleiterin für knapp zwei Wochen, die Tour „Santo Antao zu Fuß“ mit einer „Wikinger“-Gruppe in Angriff genommen. Und andere Guides, denen sie von der geplanten Route erzählte, meinten, das sei verrückt: Die Teilnehmer würden ihr zusammenbrechen angesichts von Tagesetappen bis zu zehn Stunden.

„Ihr werdet an eure Grenzen kommen, physisch und psychisch“, kündigte (drohte?) die 36-jährige, seit elf Jahren in Mindelo auf Sao Vicente lebende Braunschweigerin augenzwinkernd an. Aber die Belohnung würde reichhaltig sein: wunderbare Landschaften auf der nördlichsten, fruchtbarsten Insel der Kapverden, und Begegnungen mit offenen, vom Massentourismus unbehelligten Menschen, unvergessliche Eindrücke einer lebensfrohen Kultur abseits mitteleuropäischer Alltagsroutine.

Lena sollte recht behalten. Es wurde anstrengend, die Wanderstrecke – oft vom Meeresniveau 1.500 Höhenmeter rauf bis zum Nachtquartier und umgekehrt – wurde zwar nicht zur „Tortour“, aber allemal Anlass für Muskelkater und schwere Beine. Wer im Urlaub Erholung sucht im Sinn von relaxen und mit hochgelagerten Füßen Caipirinha schlürfen, ist hier fehl am Platz. Aber erholen kann ich mich zuhause auch, sage ich immer; im Urlaub suche ich ungleich lieber die Herausforderung, im Schweiße meines Angesichts fremde Länder und deren BewohnerInnen zu erkunden – zu erwandern, per pedes. Auf Santo Antao geht das bestens.

Aber der Reihe nach…

Ich, Journalist aus Wien, war sowas wie der „Quotenösi“ in einer 13-köpfigen Gruppe mit sonst lauter Deutschen. Anfangs will man ja nicht keck sein, aber später meinte ich zur Besetzung: eine österreichische Gruppe mit deutscher Beteiligung ;-). Erste Kontaktaufnahme am winzigen Flughafen von Mindelo nach der Anreise aus Lissabon, dann per Bus ins Hotel namens Che Guevara (der hier fast so hoch im Kurs steht wie Bob Marley oder die „Nationalheilige“ Cesaria Evora), dann ein Begrüßungsdrink am nahen Strand. Ich und einige andere stürzten uns in den 20 Grad warmen und trotz der geschützten Bucht von Mindelo recht bewegten Atlantik – es sollte mein einziges Ozeanbad auf der Reise werden, denn Santo Antao hat felsige Strände mit hohem Seegang.

Am zweiten Tag Überfahrt mit der Fähre von Sao Vicente zum Hauptort Porto Novo auf Santo Antao, Trinkwasser kaufen, Bustransfer nach Alto Mira III rauf in die Berge, vorbei am höchsten Berg Tope de Coroa (1979m). Und los ging’s, „nobai!“, wie Lena und unser zweiter, einheimischer Führer Jandir immer wieder zum Aufbruch riefen – an diesem ersten Halbtag und an den folgenden. „Die hochgebirgige Insel vulkanischen Ursprungs ist geprägt von Gebirgslandschaften mit tief eingeschnittenen Erosionstälern … junge Vulkane mit weiten Caldeiras, weitläufige weißglänzende Puzzolan-Hügel (Magma-Gestein, Anm.) und Hunderte von Metern hohe Basaltfelsen bilden dramatische Vulkanlandschaften“, heißt es in wikipedia. „Dramatisch“? Ja! Jedenfalls faszinierend, wunderschön und immer wieder zum Stehenbleiben und Staunen einladend.

Die Namen der passierten Orte werden demgegenüber nachrangig, ich vergesse sie ja doch wieder, Ribeira da Cruz, Ribeira das Patas, Figueiras, Cha de Igreja, Espongeiro, Vila das Pombas und wie sie alle hießen. Nur Ponta do Sol werde ich mir merken, wunderbar gelegen am nördlichsten Punkt der Insel, atlantikumtost, mit netten Lokalen und dem besten Essen der Reise im „Caleta“ dem Restaurant einer korsischen Maitresse (?) de Cuisine, die einheimische und europäische Kulinarik virtuos kombiniert.

Kraterwand Bodeira de Norte

Und was ich ganz sicher nicht vergessen werde, weil es unvergesslich ist: der Abstieg am dritten Tag, 800 Meter die Vulkankraterwand der Bordeira de Norte hinunter auf einem supersteilen Serpentinenpfad, in wohl mühsamster Arbeit gepflastert wie viele Wege auf der Insel. Wir mäanderten uns abwärts, tief unter uns das Ziel, ein Hotel in Ribeira das Patas, Felder mit Papayas, Bananen und Mangos und weiter im Hintergrund der Atlantik im Abenddunst.

 

Oder: das hastige Hüpfen über Felsen und Steine am Strand, vor der Ankunft in Cha de Igreja, einige hundert Meter flankiert vom wilden Ozean, der einigen von uns die Beine bis hoch zu den Shorts benetzte. Guide Jandir meinte davor, es sei wegen der wilden Brandung nie ganz sicher, ob die Stelle passierbar ist, aber versuchen würden wir’s, denn der Umweg würde uns mehr als zwei Stunden kosten. Und es ging, auch wenn für einen meeresungewohnten Österreicher wie mich die Wucht der Wellen ein echter Thrill war. Jandir, ein Modellathlet und Twen, der demnächst Vater wird, eilte nochmals zurück, um die Nachzügler ebenfalls sicher durch die Gischt zu begleiten.

Ein weiteres Highlight war der spektakuläre Küstenweg entlang der Steilküste am Tag darauf: manchmal zehn, dann wieder 50 Meter über dem Wasser; am Ende kurz vor dem Dorf Fontainhas ein sich den Fels hinaufwindender Kreuzweg mit den 14 Leidensstationen Christi (wie passend kurz vor Ostern), den – wie Lena erzählte – manche Einheimische in solidarischer Buße auf Knien bewältigen.

Der Schweiß floss bei uns allen in Strömen.  Obwohl Anfang April, hatte es tagsüber um die 25 Grad. Sonnencreme ist ein Muss; bei mir schälte sich dennoch die Haut im ausgesetzten Nacken und an der Ohrenoberseite. In den Pausen suchten wir Schattenplätze, tranken das mitgeschleppte Wasser (Lenas stereotype tägliche Ankündigung: „So drei bis vier Liter werdet Ihr schon brauchen!“), aßen das vom jeweiligen Nachtquartiergeber in Tupperware abgefüllte, einfache, aber nahrhafte Mittagessen oder die von unseren Guides ausgeteilten Kekse (die man ohne viel Flüssigkeit nicht runterbringt).

Zu schleppen gab’s außer Wasser und Nahrung nicht viel. Unser Hauptgepäck (mit viel zu viel warmem Zeug) wurde fast immer per Bus zum nächsten Nachtquartier gebracht; nur einmal, als wir im engen, straßenlosen Figueiras-Tal in einer Schule übernachteten, mussten wir Schlafsack und Wechselkleidung mitnehmen. Dort verzichteten die meisten übrigens darauf, den Klassenraum als Lager zu nutzen – auch ich legte die mir zuteilte Matratze auf dem betonierten Schulhof auf und schlief bei angenehmen Temperaturen unter freiem, von Straßenbeleuchtung ungetrübten Sternenhimmel.  Geweckt wurden wir – wie auch sonst oft – vom Kikeriki der Hähne, das lange vor dem Morgengrauen einsetzt, und vom Kläffen der Hunde. Aber müde Wanderer lernen das wie auch das Geschnarche zu ignorieren. Oder nehmen Ohropax.

Wir gingen nicht nur wegen der Anstrengung meist früh zu Bett, auch, weil nach Sonnenuntergang nicht mehr viel los ist, und weil die Zeitdifferenz von drei Stunden zur MEZ frühes Schlafen bzw. Aufstehen nahelegt. Abends gab es in Restaurants

Fischverkauf in Praia

am Ankunftsort die beste Mahlzeit des Tages. Viel Fisch (für einen meeresungewohnten Österreicher heißt das viel Grätenklauberei), öfters Hühnchen, als Beilagen Salat, Reis, Kartoffeln, Yams, Maniok, Brotfrucht, Gemüse und „Cachupa“ – der Mais-Bohnen-Eintopf ist das Nationalgericht der Kapverden; dazu das einheimische Strela-Kriola-Bier oder das aus Portugal bekannte Super Bock, seltener Wein (Vinho Verde ebenfalls aus Portugal) oder Fruchtsäfte in Dosen. Das Frühstück fällt dagegen ab: eher fade Brötchen, geschmacksarmer Ziegenfrischkäse, dazu die unvermeidliche Papaya-Marmelade. Manchmal Omelett. Immer Bananen – auch als Zwischendurchmahlzeit bewährt.

 

Zu den milchkaffeebraunen bis schwarzafrikanisch aussehenden Menschen auf Santo Antao: Da hier der Tourismus noch im Entstehen ist, wurden wir als weiße, offensichtlich Fremde in den Dörfern neugierig beäugt, aber immer wieder freundlich gegrüßt. „Bon dia!“ bis Mittag, danach „Boa tarde!“ hören wir oft und sagen es bald selbst. Auch das allgegenwärtige „tud dret!“ – alles bestens“ – hatten wir bald im Ohr. Obwohl die Leute gelassener sind als bei uns zuhause, gibt es viel zu tun: Die Felder sind oft viele (Höhen-)Meter weit vom Haus entfernt, der trockene Boden, dem Vulkanland in pitoresken Terrassen abgerungen, erfordert ausgeklügelte Bewässerungssysteme und viel Arbeitseinsatz. Esel helfen beim Bewältigen schwerer Lasten, ihre Treiber daneben laufen oft mit unzureichendem Schuhwerk, sogar mit Flipflops – und waren durchwegs schneller als wir mit unseren teuren Wanderschuhen.

Was auffällt: Schon kleine Mädchen und erst recht junge Frauen haben aufwendige Frisuren mit kunstvoll geflochtenen Zöpfchen, machen sich so schick es die Brieftasche erlaubt. Später dann werden sie als verheiratete Frauen schwere Körbe, Bündel und Zuckerrohrstangen auf dem Kopf balancieren – was man bei Männern nie sieht. Ja, es gibt Machismo auf den Kapverden, meinte Lena dazu. Unsere Führerin, ein Kommunikationstalent sonder gleichen, ist mit Frauen wie Männern rasch vertraut, oft begrüßte sie jemand mit Umarmung und Bussi, gefolgt von einem kleinen Schwatz. Kein Wunder, hat sie doch in Santo Antao einige Zeit gelebt und in der Zuckerrohrverarbeitung auf dem Biobauernhof eines ausgewanderten Niederösterreichers gearbeitet, bevor sie ihre Agentur auf- und ausbaute. Und wenn etwas beim Service nicht passt, macht sie den Inhabern schon mal Beine, geht z.B. in die Küche und fragt, warum das Essen so lange auf sich warten lässt.

Die Musik auf den Kapverden darf nicht unerwähnt bleiben, die Menschen dort haben eine sichtliche – nein: hörbare – Freude daran. In so manchem abgeschiedenen Dorf ertönt eine Beschallung, als müsste ein Fußballstadion bespielt werden. Oder ging es nur darum, dass sich die Arbeiter auf den Feldern trotz großer Entfernung zum Wohnhaus im Rhythmus wiegen wollen? Auch in Restaurants ist Tischmusik live gespielt nicht unüblich und angenehm anzuhören (sofern es nicht wie in Mindelo in einen Lautstärkewettstreit zwischen einer Capoeira-Schule und einer Easy-Listening-Combo ausartet).

Musikalischer Höhepunkt der Reise war nicht der Besuch im Museum der 2011 verstorbenen großartigen Cesaria Evora, sondern bei Luis Baptista in seiner Werkstatt für Saiteninstrumente und Gitarrenschule in Mindelo. Sein Vater war ein berühmter Musiker, und gemeinsam mit einigen seiner Geschwister und Mitarbeitern bewies Luis, dass auch er ein großer Könner und Kenner sämtlicher Musikstile der Kapverden ist. Das Konzert des sechsköpfigen Ensembles mit Gitarren, Percussion und Gesang ließ unsere inzwischen muskulär aufgerüsteten Beine im Takt mitwippen. Lena kaperte vor dem Abflug von Sao Vicente nach Praia einen CD-Laden am Flughafen und präsentierte uns einige musikalische Must-haves bzw.  Must-hears. Ich empfehle Lura, eine gebürtige Portugiesin und derzeit ein großer Star auf den Kapverden, stellvertretend für viele großartige Musiker (https://www.youtube.com/watch?v=hJaRUC912LM&index=2&list=RDygI4Kv-YAYE) auf diesen Inseln mit insgesamt nur 530.000 Einwohnern.

Tierische Begegnungen in der kapverdischen Landschaft

Lena liebt dieses Land, das ist offensichtlich. Darum will sie es auch nach vorne bringen, die Menschen dazu anhalten, ihre touristischen Angebote so qualitätsvoll wie möglich zu gestalten. Oft machte sie sich Notizen, was bei der nächsten Wandertour besser sein sollte. Und vermittelt ihre Anregungen offensichtlich so, dass sich die Adressaten nicht blamiert oder gar brüskiert fühlen. Lenas Tipps verdanke ich einen Liter hochwertige Melasse, die jetzt bei mir im Kühlschrank steht und das morgendliche Müsli aufbessert; weiters ein Fläschchen 77-prozentigen Grogue, der sich bestens mit Fruchtsaft mixen lässt und auf den Inseln zu jeder Gelegenheit gereicht wird.

 

Und Lena legte auch die Schienen zu einer fakultativen Extratour: Canyoning nahe des fruchtbaren Paul-Tales am Tag vor der Rückreise nach Sao Vicente. Dass hier in einer Schlucht außerhalb der Regenzeit (Juni bis Oktober) Wasser fließen könnte, erschien uns nach den bisherigen Erfahrungen unwahrscheinlich. Jedenfalls sollten wir Sportschuhe anziehen, die nass werden durften – und sie wurden richtig nass. Denn nach einem rund einstündigen Aufstieg traten acht von unserer Gruppe, die 75 Euro in das Abenteuer investierten, in einen Bach, der über mehrere Felsstufen – bis zu 18 Meter tief – zu Tal stürzte. Und wir neben, in und tlw. unter dem Wasser am Seil, alle schön der Reihe nach mit Helmen, Neoprenanzug und Karabinern am Gürtel. Es kostet schon Überwindung, sich im fast 90-Grad-Winkel zur Wand abzuseilen, aber es ist ein Thrill, der Spaß macht. Danach – typisch kapverdianisch – erst mal ein gemeinsames Mittagessen mit den beiden Guides und dem dazugestoßenen Rest unserer Gruppe, erst ganz zum Schluss die Bezahlung.

Es war ein billiger Urlaub, soll heißen: Vor Ort brauchten wir nicht viel Geld. Es blieben ja auch nur zweimal Essen sowie die zu jedem Mahl konsumierten Getränke außerhalb der inkludierten Leistungen. Ich wechselte im Lauf der beiden Wochen 200 Euro und kam damit durch; sogar für Mitbringsel langte es.

Auf der letzten Wanderung auf Santo Antao im grünen Paul-Tal begegneten wir einer alten Frau, die uns ansprach. Lena übersetzte: „Ich wünsche euch eine gute Reise und ein glückliches Leben!“ Mit so einem Reisesegen kann ja gar nichts mehr schiefgehen, merkte ich an.

Mit der Rückfahrt auf der windigen Fähre von Porto Novo nach Mindelo endete die eingangs beschriebene Premiere. Die noch verbleibenden drei Tage in Mindelo und in der Hauptstadt Praia wirken nachträglich etwas aufgepfropft. Aber um auch andere Inseln als Santo Antao richtig kennen und lieben zu lernen ist ja ein weiterer Besuch auf diesen charmanten Fleckchen mitten im Ozean möglich… Nobai!

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