Unsere Reiseleiterin Meike Baumann verbringt den November in Reykjavík

Die Sommersaison ist zu Ende, die Kataloge für das nächste Jahr im Haus. Was nun? Sechs Wochen Island im Sommer reichen nicht aus für Süchtige. Island macht süchtig. Ich muss zurück. Muss das Nordlicht suchen, die Wasserfälle in einer weißen Landschaft sehen, am liebsten im gefrorenen Zustand, die lang anhaltende Dunkelheit über den Tag hinweg erleben und die Esja vor Reykjavík genießen, den Hausberg der Stadt. Natur, Ruhe.

Man buche für den Hinflug nach Island wenn immer möglich einen Sitzplatz auf der rechten Seite des Fliegers, außerhalb des Flügelbereiches – und man genieße die Sicht auf die Südküste Islands!

Reiseleiter sind Märchenländern gewohnt. Doch es gibt immer noch mehr zu entdecken. Alles ist in Wirklichkeit nur so schön, wie es im schlechtesten Zustand ist. November und Dezember als die schlechteste Jahreszeit für Island? Ganz und gar nicht!

Der Flieger fliegt über Ausläufer des Vatnajökull, den größten Gletscher, so groß wie Korsika… Da, der Unruhestifter und Held des Jahres, der Eyafallajökull! Er raucht in der niedrig stehenden Sonne so was von friedlich vor sich hin… War da was? Der Seljalandsfoss kommt in Sicht, ein dünner Wasserstrahl im isländischen Winter. Es folgt die Ebene um Hella. Ich bin sprachlos: Die Gletscher des Südens liegen hinter uns, aber ganz Island liegt in Schnee! Zucker über der Ebene, den Bergen, den Vulkanen. Lange Schatten dahinter. Kurz bevor die Sonne untergeht. Der Himmel ist stahlblau. Die Landschaft ist ein helles lila getaucht. Die Luft ist kalt. Märchenland.

Kleines Island, wir fliegen schon Reykjavík an. Von weitem die Esja, der Hausberg, Fels in der Brandung vor der nördlichsten Hauptstadt… Knapp ein Grad plus. Das ist durchaus in Ordnung. Es ist gerade noch hell. Es ist kurz vor 17 Uhr.

Im Sommer energiegeladen durch den ewig hellen Tag, im Winter im Dämmerzustand. Um Mittag, das sind die aktivsten Stunden des Tages. Aber Island schläft auch im November nicht. Am Hausberg von Akureyri im Norden kann man schon Skifahren. Die zwei Skigebiete 20km außerhalb Reykjavíks sind erst seit drei Tagen mit Schnee bedeckt. Auf dem Blauberg gibt es neun Pisten, ab 16:30 Uhr sind sie beleuchtet und bis 21 Uhr geöffnet. Ich war gestern Langlaufen, dreieinhalb Stunden in traumhafter Landschaft und mit Sicht auf den Atlantik!

Schneesport ist nicht alles. Es wird auch kräftig geschwommen. Zum Beispiel in Reykjavík im Laugardalslaug, dem größten Sportzentrum Islands. Hier trainieren höchstens die Schulkinder drinnen, im Pool mit Olympiamassen. Der große Rest der Besucher dreht draußen seine Runden, im geheizten Outdoor Pool. Diese Woche zeigte die Anzeige am unteren Ende der Bahn minus 4 Grad, das war um 15:50 Uhr. Manche bevorzugen zu Tratsch und Klatsch einen heißen Pott mit Temperaturen zwischen 36 und 40 Grad. Egal wie, die Herausforderung besteht darin, abgehärtet und sich nichts anmerken lassend, elegant aus dem warmen Wasser zu gleiten und bis zur der Tür zu schreiten, die rettend zu den warmen Duschen führt. Voraussichtlich wirst du nach dieser Qual belohnt: „Du hast die Haare schön!“ Ein weitaus größeres Volumen bringt das schwefelhaltige Wasser Islands eben mit sich. Du bist startklar für ein paar Stunden Downtown Reykjavík und zahlreiche Bars mit live Konzerten. Hier tanzt der Bär auch draußen auf dem Laugavegur, auf der Hauptstrasse Reykjavíks, hier sind sowohl Stimmung als auch Bürgersteige im Winter heiß. Island ist pleite, aber Rutschpartien wie letzten Winter auf den Bürgersteigen in Hamburg gibt es auf den eisfreien Bürgersteigen im Stadtzentrum Reykjavíks nicht. Eislaufen ist auf den für die dafür vorgesehenen Bahnen reserviert. Alternativ warte man, bis der Stadtsee einfriert!

Ja, es wird kälter, minus sechs Grad heute. Der Himmel bleibt, wie er ist: stahlblau. Trotzdem, es wird immer dunkler. 9:30 Uhr wurde es hell heute Morgen. Letzte Woche noch war es gegen 9 Uhr. Trotzdem ist es lange nicht so dunkel wie ich dachte, abends geht die Sonne gegen 17 Uhr unter, nachdem sie die Landschaft mit ihren Farben verzaubert hat.

Die Sonne steht schräg. Sie steht so knapp über der Erde, dass es beim Autofahren gefährlich ist. Aber sie scheint. Der Himmel ist klar, glasklar.

Und was ist mit dem Nordlicht? Wer glaubt, man muss im Januar und Februar nach Island um das Nordlicht zu sehen? Man muss dazu auch nicht raus aus der Stadt. Ich wohne in einem Stadtteil im Norden Reykjaviks, direkt gegenüber dem Hausberg, der Esja. Vom Haus aus habe ich gestern Abend wieder das Nordlicht gesehen. Grün. Die geladenen Teilchen werden vor meinem Auge gleich einer Welle von links nach rechts und wieder zurück geschaukelt. Ich kann darin lesen: „Wunder – schön!“

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