Unterwegs in Polen: Krakau

Im Sommer dieses Jahres habe ich eine neue Reise in meiner alten Heimat Polen ausgearbeitet. Diese Reise mit der Nummer 5538 findet Ihr im Wikingerkatalog Wandern Europa 2011. Zu den Highlights dieser Ausarbeitungstour gehörte der Aufhenthalt in Krakau – meine Lieblingsstadt in Polen.

Noch vor fünfzehn Jahren war Krakau ein wenig bekanntes Städtchen im einem Land hinter dem Eisernen Vorhang. Aber kaum sah man die ersten Risse in der Berliner Mauer, schon strömten auch die ersten Besucher in die Kulturmetropole an der Weichsel. Heute eilt Krakau der Ruf einer pulsierenden Weltstadt voller Poesie und Lebenslust voraus.

Jazz, Polka und Rock’n Roll: Der jeweils zweihundert Meter lange und breite Rynek, der Marktplatz von Krakau, begrüßt mich mitten in seinem Wochenendrausch. Ein Straßencafé folgt auf das andere, freie Tische sind heute Mangelware. Jung und Alt sitzen nebeneinander, Touristen und Einheimische. Sprachen aus aller Herren Länder strömen auf mich ein.

An der Adalbertskirche geigt ein Ukrainer wehmütige Klezmer-Melodien. Gleich neben ihm musiziert ein Krakauer Folkloreensemble. Weniger traditionell erscheint der Breakdancer, der am Mickiewicz-Denkmal zu lauter Hip-Hop-Musik seine Turnkünste zeigt. Saturday Night Fever auf dem Krakauer Rynek: Der Marktplatz verwandelt sich in eine gigantische Bühne, auf der sich alles zu einer bunten Mega-Performance vermischt.

Kunst fürs Auge, Wodka für die Seele

Clubs, Cafés und Kneipenkeller – Bier heißt Piwo und fließt heute mit der Weichsel um die Wette. Café Camelot ist in: Naive Kunst fürs Auge und Wodka für die Seele. Ein gemütlicher Biergarten ziert den Eingang. Heute ist es mir hier ein wenig zu jazzig. Free Pub bedeutet dagegen Krakau für Eingeweihte.

Hinter einer anonymen Holztür versteckt sich einer der beliebtesten Kneipenkeller der Stadt. Dicht gedrängt stehen wir an der Theke. Der Barkeeper spült, schenkt ein, serviert und füllt die Gläser wieder voll. Ein großes Bier für mich, bitte! Polish Rock treibt die Stimmung, Polish Beer löst die Zunge: Die sympathische Blondine kennt Herbert Grönemeyer, und ich bestelle die zweite Runde. Die vibrierende Menge zerrt uns von den Barhockern. Es ist Samstag Nacht in Krakau.

Krakau – dort, wo die Steine sprechen und der Kirchturm trompetet. Krakau – dort, wo die Weichsel die Höhle des Drachen streift, ließ sich einst der mythische Slawenfürst Krak mit seiner Gefolgschaft nieder. Gemeinsam trieben sie das Höhlenungeheuer aus dem Lande aus und holten dafür einen talentierten Holzschnitzer aus Nürnberg herbei. Veit Stoß war sein Name. Für die reichen Bürger Krakaus schuf er den schönsten Altar des Mittelalters.Diese und zahlreiche andere Sehenswürdigkeiten lockten wenige Jahrhunderte später die Gutachter der Unesco an.

Einstimmig erklärten sie die Starówka, die Altstadt von Krakau, zum Weltkulturerbe. Anschließend folgten die Literaturnobelpreise für zwei polnische Dichter, die bis heute noch in Krakau leben. Denn hier hatte man immer schon Zeit für schöne Dinge des Lebens.

Der herrlichste Altar des Mittelalters

Die um den Markplatz stehenden Patrizierhäuser wissen noch mehr aus der Stadtgeschichte zu berichten. Palast für Palast klären sie mich nacheinander auf über ihr bewegtes Schicksal. Im Haus Nr. 7 wohnten beispielsweise die Montelupis, die 1569 den ersten Postwagen von Krakau nach Venedig schickten. Im Jahre 1364, der Überlieferung nach, tafelten bei Wierzynek im Haus Nr. 16 die Könige von Dänemark, Ungarn und Polen. Unter der Hausnummer 26 schwang der legendäre Herr Twardowski, Meister der Schwarzmagie, seinen Zauberstab. Vom Turm der Marienkirche erklingt die bekannteste Erzählung der Stadt – der Hejnal. Stündlich erinnert die abrupt endende Trompetenmelodie an den Überfall der Tataren: Ein feindlicher Pfeil traf den tapferen Stadtwächter und unterbrach damit sein Trompetenspiel, das die Bürger Krakaus vor den Eindringlingen warnen sollte.

Kreuze, Klöster und Kapellen – über Hundert Gotteshäuser und 35 Konvente zähle ich im Stadtplan von Krakau. Die schönste Kirche der Stadt ist für mich eben die mit dem Hejnal – die Marienkirche. Kurz vor zwölf Uhr gehe ich mit den letzten Touristengruppen hinein. Majestätisch erklingt die Fanfarenmusik. Alle Augen schauen nun in eine Richtung. Eine Nonne öffnet zunächst den ersten und dann den zweiten Altarflügel. Überlebensgroße Figuren, Trauer im Gesicht, Gestik, die den mittelalterlichen Rahmen sprengt. Stirnrunzeln, sich windende Bärte, tapferer Faltenwurf. Im Hintergrund: Himmlisches Blau, goldene Sterne und die farbenprächtige Wandmalerei. Das Meisterwerk von Veit Stoß. Der herrlichste Altar der mittelalterlichen Kunst.

So schmeckt Krakau

Neben der Marienkirche trifft der Rynek auf die Florianska Straße. Wenn ich nach Krakau komme, so führen mich die ersten Schritte hierher. Denn gleich hinter dem Florianstor verkaufen die Goralenfrauen „oscypki“, einen geräucherten Schafskäse aus der Tatra. Etwas weiter bekomme ich „obwarzanki“, die Krakauer Brezel. Der Käse ist salzig, die Brezel – wie immer – steinhart. Wie dem auch sei, so schmeckt Krakau für mich. Wenn der Magen gegen Mittag knurrt, gehe ich zur Chimera im Univiertel. In einem schlichten Innenhof wimmelt es von Studenten. In der Schlange an der Salatbar kommentieren sie die letzte Vorlesung und die Frisur der Dozentin. Makaber, meint mein Nachbar, die anderen lachen aus vollem Herzen.

Ich setze mich am ersten Tisch einfach dazu – das stört hier niemanden. Die Pfannkuchen mit Spinat sind köstlich, der Buchweizenbrätling ein Leckerbissen. Typisch polnisch isst man bei Chlopskie Jadlo. Die bäuerlich gekleidete Kellnerin führt mich in den Hauptsaal und zeigt mir die freien Tische. Einer steht direkt an einem weiß getünchten Bauernofen, der andere in einem Leiterwagen. Ich entscheide mich für den dritten, der in einem Ehebett zu finden ist. Der Tisch und die Bänke sind aus Holz, unter der Decke und am Ofen hängen getrocknete Kräuter, Pilze und Speck. Hirschgeweihe und farbenfrohe Marienbilder schmücken die Wände. Eben werden Schmalz und Weißbrot gebracht. Dazu schmeckt am besten Kefir. Dann kommt schon die Pilzsuppe in einer Brottasse und eine Holzschüssel voller Piroggen – gefüllte Teigtaschen. Lecker! Nur die Oma macht sie besser. Östlich der Oder schließt Wodka den Magen. Nun würde ich am liebsten das Bauernbett in seine ursprüngliche Funktion zurückversetzen.

„Schindlers Liste“ und die Folgen

Aber da wartet doch noch die Mutter: Die Mutter der polnischen Flüsse – die Weichsel. Kapitän Krzysiek lichtet schon die Anker und der Weichseldampfer schnarrt gemächlich in Richtung Tyniec. Hinter uns lassen wir Kazimierz, wo vor 1939 die meisten der 65.000 Krakauer Juden lebten. Den Zweiten Weltkrieg überlebten nur wenige von ihnen. In den fünfziger Jahren geriet das Viertel in Vergessenheit und verkam zum dunkelsten Winkel der Stadt. Niemand traute sich hierher, niemand kümmerte sich um die verlassenen Friedhöfe und Gotteshäuser. Dann kam Steven Spielberg und drehte „Schindlers Liste“ in Kazimierz. Seitdem erlebt die jüdische Kultur eine wahre Wiedergeburt: Von den sieben erhaltenen Synagogen können vier besichtigt werden.

Koscheres bei Kerzenlicht sorgt für klingende Kassen bei „Ariel“ und „Anatevka“. Zum wichtigen Stadtereignis ist zweifellos das jüdische Festival geworden: Jeden Sommer tanzen Hunderte von Touristen aus der ganzen Welt zur Klezmermusik auf der Szeroka Straße. Der Hügel rechts vom Schiffsbug bietet eine nicht minder interessante Geschichte. Dort glänzen nun die Türme der Krakauer Akropolis, des Wawel. Als ich sieben war, zeigte mir meine Mutter zum ersten Mal den Stolz aller Polen. Von hier aus entschieden die polnischen Könige 500 Jahre lang über die Geschicke des Landes.

In der Wawelkathedrale wurden sie gekrönt und bestattet. Neben ihren prunkvollen Grabmälern fanden viele Nationalhelden ihre letzte Ruhestätte: Hier liegt Adam Mickiewicz, der Goethe Polens, und Józef Pilsudski, der die bereits vor Warschau stehende Rote Armee zum Rückzug zwang. Wawel ist die Wiege der polnischen Nation. Der heilige Berg Polens.

Gestalten in braunen Kutten

Weiße Kalkfelsen ragen aus dem Fluss heraus, obenauf leuchtet die Klosterkirche in der Nachmittagssonne. Die Weichselreise in die Vergangenheit führt mich zur Benediktinerabtei in Tyniec. Kein Trubel, kaum Touristen – wenn ich der Großstadtluft entfliehen möchte, zieht mich immer wieder die malerische Abgeschiedenheit dieses Ortes in ihren Bann.

Seit fast tausend Jahren durchstreifen die Mönche den stillen Innenhof. Wie vor Jahrhunderten strömen sie auch heute in die Kirche und lassen sich schweigend an den Seiten des schwarzmarmornen Altars nieder. Im gedämpften Licht des Chores verschwimmen die in braune Kutten gehüllten Gestalten zu einer Einheit. Nun sind auch ihre Stimmen nicht mehr auseinander zu halten: Sie verschmelzen zu einem Choral, der die Kirchenwände emporsteigt, um sich vom Himmelsgewölbe mit voller Wucht auf den Zuhörer hinunterzustürzen.

Kunst, Kitsch und Kaufrausch – die Siegeshymne der Kommerztempel ruft mich zurück in die Stadt. Bummeln, feilschen und kaufen gehören zu Krakau wie der Hejnal zur Marienkirche. Schon vor Jahrhunderten priesen die Händler ihre Waren in den Tuchhallen an. Bunte Stoffe wechselten den Besitzer, es roch nach exotischen Gewürzen und Leder.

Heute tummeln sich Touristenscharen an den Verkaufsständen und nehmen das Typische aus Krakau in die ferne Heimat mit. Schmuck, Korb- und Lederwaren wandern rasant in die Taschen. Große Kunst wird dagegen am Florianstor verkauft. Groß ist sie allerdings nur im Bildformat, denn die angebotenen Gemälde pinselten eher wenig talentierte Künstlerhände.

Der poetische Briefkasten

Die beinahe echten Picassos und Klimts kleiden die Stadtmauer, an ihrem Fuße döst die Malerbohème. Der Geist von Montmartre würde sich wahrscheinlich auch hier wohl fühlen. In der benachbarten sw. Jana Straße führt der bekannteste Karikaturist Polens Andrzej Mleczko seine Galerie. Der Inhalt seiner Zeichnungen spiegelt die politische Wunschrealität der Polen wider: Die korrupten Politiker wandern doch noch hinter Gitter.

Die Parallelstraße Florianska lädt die modebewussten und kaufkräftigen Krakauer Yuppies zum Shopping ein. In den geschmackvoll eingerichteten Boutiquen wird Luxus aus aller Welt angeboten. Selbst die Warschauer, die ihre Hauptstadt für den Nabel der Welt halten, kaufen in der Florianska ein.

Dann, wenn das Geld und der Tag seinem Ende entgegeneilen, schaue ich noch in der Golebia Straße 3 vorbei. Dort, in einem der zahlreichen Cafés Krakaus, gibt es die beste Trinkschokolade und den poetischen Briefkasten am Eingang. Jede Woche wird er geleert und das beste Gedicht zum Kaffee serviert. Denn in Krakau hat man immer noch Zeit für die schönen Dinge des Lebens.

Wenn Ihr noch Fragen zu unserer neuen Polen-Reise habt, einfach bei Wikinger anrufen und nach Darek Wylezol fragen!

Bis bald

Darek Wylezol

Kommentare

  1. Ich war diesen Februar in Krakau. Nach nur knapp zwei Stunden Flug befindet man sich in einem ganz anderen Kulturkreis, als ich es im „Ruhrpott“ gewöhnt bin. Dank einem guten Freund der alles für uns organisiert hat, konnte ich diese wunderschöne Stadt wirklich in allen Facetten geniessen und ich kann und muss mich Darek einfach nur anschliessen:
    Krakau tut der Seele gut! Diese kultur-historische Stadt mit seinen hochmodernen Einkaufshäusern, dazwischen die Kellerkneipen oder doch Chillout Lounges. Es ist alles vorhanden und man schwirrt wie ein Schmetterling von einer duftetenden Blüte zur nächsten.
    Einmal vom Fieber gepackt bekommt man nicht genug. Und ich habe mir fest vorgenommen, „Ich Komme wieder“! Aber im Sommer, wenn man im Grünen an der Weichsel sein Eis genießen und an den zahlreichen Festivals teilnehmen kann. Denn wie schön die Schneeflocken auch waren, – 15°C sind für einen Städtetripp doch zu kalt 🙂 …

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