Wandern auf der griechischen Insel Thassos

Griechenland bereise ich seit mehreren Jahrzehnten. Anfangs mit Rucksack unterwegs, später meist mit Mietwagen und selbst ausgesuchten Hotels oder Appartements. Doch dieses Mal eine Neuerung, vor der ich bisher zurückschreckte: eine Gruppenreise. Eine Woche Wandern auf Thassos, mit Guide und festem Programm. Bummeln, Baden und viel Bewegung hatte der Reiseveranstalter versprochen – ich war gespannt.

Thassos zählt zu den weniger bekannten Zielen auf der touristischen Landkarte Griechenlands – nicht zuletzt, weil die Insel nicht über einen eigenen Flughafen verfügt. Die Anreise erfolgt meist über Kavala und dann weiter mit dem Bus und der Fähre von Keramoti nach Limenas, der Inselhauptstadt, die nur sechs Seemeilen vom Festland entfernt liegt.

Megalo Kazavitis
Megalo Kazavitis

Gestärkt durch ein abwechslungsreiches Frühstücksbuffet geht es am ersten Morgen gleich in die Berge. Die “Grüne Insel” macht ihrem Namen alle Ehre, es geht durch lichte Olivenhaine mit eindrucksvollen, altehrwürdigen Olivenbäumen, deren Alter nur schwer abschätzbar ist. Schattige Pfade wechseln sich mit sonnenbeschienenen Teilstücken ab. Hinter Mikro Kazavitis kommt Megalo Kazavitis in Sicht, das im Grün der Berghänge fast verschwindet.

Krönender Abschluss des ersten Tages: der Wochenmarkt von Prinos, der jeden Montag Einheimische und Touristen gleichermaßen in den Bergort führt – ein kleines Verkehrschaos ist da vorprogrammiert. Frisches Obst, Heilkräuter, Schnaps und T-shirts bieten einen bunten Mix aus Ramsch und Köstlichkeiten.

Markt in Prinos
Markt in Prinos

Unterwegs am zweiten Tag stoßen wir immer wieder auf das “weiße Gold” von Thassos, Marmorsteinbrüche. Ungefähr zehn soll es davon auf Thassos noch geben, weltweit ist thassiotischer Marmor für seine hohe Qualität bekannt, auch wenn ihm die internationale Konkurrenz mittlerweile schwer zu schaffen macht.
Die Bergwelt südlich von Limenas birgt so manches Kleinod, so stoßen wir auf unserer Wanderung auf eine einsame Kirche, die in ihrer Schlichtheit bis heute gelebte Frömmigkeit widerspiegelt. Hier entdecken wir mannshohe Farne, die früher große Teile der Insel bedeckten, aber durch gewaltige Brandkatastrophen in den letzten Jahrzehnten stark dezimiert wurden. Neben Kiefern, Eichen und Platanen sind es vor allem die silbrig in der Sonne glänzenden Olivenbäume, die das Bild der Insel prägen. Kaum eine Familie auf Thassos, die nicht einen eigenen Olivenhain besitzt, aber auch Nuß- und Mandelbäume, Quitten und Feigenbäume sind unsere stetigen Begleiter.

Die Inselhauptstadt Limenas ist der Größe von Thassos angemessen. Etwa 3000 Menschen leben hier am Sitz der Inselverwaltung. Durch den zentralen Fährhafen der Insel kann es im Hafenbereich schon mal etwas hektischer zugehen, in der Hauptsaison verkehren bis zu 20 mal am Tag Fähren mit Keramoti auf dem Festland. Limenas bietet einen gelungenen Mix aus griechischem Alltagsleben und touristischer Infrastruktur, Shops zum Bummeln neben traditioneller Hafenatmosphäre sowie gute Möglichkeiten, auf den Spuren der reichen Inselgeschichte zu wandeln. Stadtnahe Strände in guter bis sehr guter Qualität bieten Badevergnügen vom Feinsten.

Archäologisches Museum Limenas

Unmittelbar neben der antiken Agora, die jederzeit kostenlos besichtigt werden kann, schließt sich das Archäologische Museum an. Kein verstaubter Bau, sondern ein lichtdurchflutetes Gebäude, in dem die Inselgeschichte vom Neolithikum bis in die byzantinische Zeit spannend und mit überzeugenden Exponaten präsentiert wird.

Archäologisches Museum Limenas
Archäologisches Museum Limenas

Gleich im Eingangsbereich eine monumentale Statue, ein so genannter Kouros, aus dem 6. Jh. v. Chr. Die einen Widder in den Händen haltende Gestalt blieb unvollendet, vielleicht weil der Marmor einen Riss zeigt. Die Besucher erfahren etwas über den Alltag im Neolithikum (Jungsteinzeit), ein Großteil der Exponate stammt aus der Antike und der römischen Zeit der Insel.

Wer die traditionelle thassitische Architektur kennenlernen möchte, der kommt um einen Besuch Panagias nicht herum, wo wir am dritten Tag Station machen. Die meisten Häuser sind mit alten grauen Schieferplatten gedeckt, die Gassen in altem Stil gepflastert. Die Ölmühle Sotirellis mitten im Dorf gewährt einen Einblick in vergangene Formen der Ölgewinnung, es wird aber auch hochwertiges Olivenöl verkauft sowie Mitbringsel rund ums Öl. Ein einladender Ort zum Relaxen liegt etwas oberhalb des Dorfzentrums, wo aus mehreren Quellen eiskaltes, frisches Wasser sprudelt, eine “Brücke der Liebenden” zum Fototermin lädt und eine schattige Cafeteria zum Eiskaffee verführt.

Die kleine Halbinsel Aliki im Südosten von Thassos zählt ohne Zweifel zu den touristischen Highlights. Ein leicht zu meisternder Rundweg führt uns zu Marmorsteinbrüchen aus römischer Zeit, Kulthöhlen und frühchristlichen Basiliken sowie römischen Sarkophagen. Zwei schöne Strände laden zum Baden ein und Restaurants locken mit Oktopus vom Grill und anderen Köstlichkeiten.

Das nahe gelegene Kloster Archangelou ist wohl die meistbesuchte religiöse Stätte der Insel, Besucher werden mit einem herrlichen Ausblick bis hinüber zum Berg Athos belohnt.
Ganz im Süden, unweit von Astris, lockt ein Badeplatz der besonderen Art, das Naturschwimmbecken Giola. Das 15 mal 20 Meter große Becken wird von der Brandung gespeist, Mutige springen von oben in das 3 bis 4 Meter tiefe Becken.

Kastros Einwohnerzahl zu bestimmen ist gar nicht so einfach. Denn in den Wintermonaten lebt in dem 5oo Meter hoch gelegenen Dorf überhaupt niemand. Doch nachdem in den letzten Jahren viele der dem Verfall preisgegebenen Häuser wieder renoviert wurden, kehrt wieder Leben ein hier oben. Zumindest von Frühjahr bis Herbst. Besucher werden belohnt durch einen einzigartigen Blick über die Insel und die Stille dörflicher Abgeschiedenheit. Wer will, kann ein skurril anmutendes, mit Knochen und Schädeln gefülltes Beinhaus besuchen oder sich in dem Kafenion direkt neben der Kirche niederlassen, wo er von Kostas bedient wird, der viele Jahre seines Lebens in Bremen verbracht hat.

Ein weiteres, sehenswertes Bergdorf ist Theologos östlich von Kastros am Ende eines langgestreckten weiten Tals. Einst war es sogar die Hauptstadt der Insel, wovon noch einige stattliche Häuser zeugen. Überhaupt gibt es hier zahlreiche traditionelle inseltypische Häuser mit Erkern, Holzbalkonen und Schieferdächern, von denen nicht wenige an dörfliche bulgarische Architektur erinnern. Zahlreiche Tavernen haben sich mittlerweile auf die steigenden Touristenzahlen eingestellt und bieten u.a. Lamm- und Ziegenfleisch an, das direkt aus der Umgebung stammt.

Honig aus Thassos

Überall auf der Insel begegnet man als Wanderer häufig bunt bemalten Bienenstöcken – ein wenig Abstand sollte man da schon wahren !

Ölmühle Sotirellis in Panagia
Ölmühle Sotirellis in Panagia

Die Honigproduktion zählt zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Aktivitäten auf Thassos, über 1000 Tonnen Honig werden pro Jahr auf der Insel produziert. Vor allem Waldhonig gibt es zu kaufen, nicht selten mit Nüssen und Mandeln versetzt.

Und das Fazit dieser Reise ?
Thassos war bisher immer außerhalb meines Blickwinkels – vielleicht weil die Anreise etwas mühsamer erscheint und ein Inselflughafen fehlt. Glücklicherweise, möchte man heute sagen, denn das erspart der Insel jenen typischen Massentourismus, bei dem das Reiseziel fast austauschbar erscheint. Große Bettenburgen fehlen fast vollständig, kleine Dörfer im Landesinneren verlocken zu Tagesausflügen, sehr schöne Strände sind sowieso überall auf Thassos zu finden.
Thassos ist eine grüne, bergige Insel, die zum Wandern herausfordert. Ausgeschilderte Wanderwege wird man allerdings meist vergeblich suchen, eine Portion Orientierungssinn und Erfahrung sind da schon gefragt.

Meine erste Erfahrung mit Wandern in einer Gruppe erwies sich deshalb als Glückstreffer. 3 bis 4 Stunden reine Wanderzeit auf ausgesucht schönen Touren ließen genug Raum für eigene Erkundungen, sei es ein Bummel in Limenas, der Hauptstadt, oder eine Inseltour mit dem Mietwagen an den “freien” Tagen. Und eine nette, kleine Wandergruppe mit interessierten Menschen kam noch hinzu.
Wandern auf Thassos: gerne noch mal.

Euer Helmuth

 

Praktische Tipps

Wikinger Reisen bietet unterschiedliche Wandertouren auf Thassos an. Yoga und Pilates, Massagen und Gymnastik ergänzten die Wanderungen optimal.

Literatur

Der Thassos Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag lässt keine Wünsche offen, er gab dem Verfasser dieses Beitrags wichtige Tipps und Anregungen. Uneingeschränkt zu empfehlen !

Unterkunft

Die Wandergruppe wohnte im Hotel Alea im Nordwesten der Insel, etwas außerhalb des Hafenortes Skala Prinos. Ein gut ausgestattetes, modernes Hotel direkt am Strand mit guter Küche, das alle Erwartungen erfüllte.

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