Wanderwoche auf Rhodos

von Torsten Wenk aus Braunschweig

„Zoon politikon“ – Aristoteles beschreibt vor 2300 Jahren den Menschen als soziales Wesen in der Gesellschaft. „Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier“, so versteht dies Alexandros Stefanidis in seiner lesenswerten Erzählung „Beim Griechen“. Eine Erkenntnis, die auch heute möglich ist. Im Laufe einer Gruppenwanderreise auf der griechischen Insel Rhodos entwickelt sich aus einzelnen Gästen eine spürbar gute Gemeinschaft. Das Hotel Tsambika Sun in Archangelos bietet dafür gute Voraussetzungen.

Hotelbesitzer Panagiotis

„Kalimera, guten Morgen“, ruft der hinter der Rezeption stehende Mann mir zu, als ich durch die weitgeöffnete Schiebetür in das Hotel trete. Er lacht und stellt sich vor: „Ich bin Panagiotis.“ Das Lachen des Panagiotis ist durchdringend, sein Gesicht strahlt wie die Sonne am Himmel. Seit 30 Jahren besitzt der temperamentvolle Grieche das Hotel Tsambika Sun in Archangelos. „Vor 15 Jahren besuchte mich Gerd Thiel“, erzählt Panagiotis. Thiel ist Buchautor, Reiseleiter und Planer für Wanderreisen. Thiel besichtigte das Hotel. „Ein idealer Ort für Wandergruppen“, lautete sein Kommentar. „Die Wanderer wären hier ganz unter sich und abseits vom Touristentrubel.“ Bald darauf kooperiert Panagiotis mit dem deutschen Reiseveranstalter „Wikinger Reisen“, einem Spezialisten für Wanderreisen und Trekkingtouren. Die Rechnung geht auf. Das Tsambika Sun vermittelt eine klare Botschaft: Urlaub bei einer griechischen Familie, in einem einfachen, sauberen und an den Bedürfnissen von Wanderern ausgerichteten Hotel. In einem ganz normalen griechischen Ort.

Archangelos

Archangelos ist ein gewachsener Ort, keine Touristen-Urbanisation. Der zweitgrößte Ort auf Rhodos zählt etwa 6000 Einwohner und liegt gut drei Kilometer entfernt von der Ostküste im Landesinneren. Auf der Hauptstraße ist immer Betrieb. Mopedfahrer knattern mutig um die Ecken, der stets vollbesetzte Linienbus bahnt sich seinen Weg. Hier gibt es Tavernen, Kafenions, Mini- und Supermärkte, Handwerksbetriebe. In den angrenzenden Straßen wird es ruhiger. Katzen liegen schlafend im Schatten. Hier und da kläfft ein Hund. Die weißen Häuser ziehen sich den Hang empor. Enge, verwinkelte Gassen und kleine Plätze prägen das Bild besonders rund um die Michail-Archangelos-Kirche. Rote Geranien blühen in bunten Blechkanistern, stehen auf Treppenstufen und an Hauseingängen. Über allem thront das alte Johanniterkastell aus dem 15. Jahrhundert.

Hotel Tsambika Sun

Das Tsambika Sun liegt abseits an einer Stichstraße, die in die Berge hinauf zu einem abgelegenen Kloster führt. Zwei Hoteltrakte mit insgesamt 38 Zimmern sowie ein Gebäude mit Bar und Küche gruppieren sich um den Swimmingpool. Der so entstandene Innenhof entwickelt sich für die Gäste zu einem kommunikativen Marktplatz. Hier trifft man sich zum entspannenden Sonnenbad oder zu einem Drink an der Poolbar. Und bei schönem Wetter genießt man das Abendessen unter freiem Himmel. Tsambika heißt auch die Frau von Panagiotis. Ihr Reich ist die Küche. Der Reisekatalog verspricht „eine hervorragende griechische Küche.“ Tsambika hält Wort, sie kocht traditionell griechisch und göttlich gut. Neffe Tsambikos hilft und lernt dabei die Familienrezepte. Warmes Abendessen wird nur zubereitet, wenn eine Wandergruppe im Hotel ist. In der übrigen Zeit hat das Hotel Übernachtung mit Frühstück im Angebot.Das gemeinsame Abendessen entwickelt sich zu einem täglichen Höhepunkt für uns neunzehn Wanderer. Ein Beispiel: Als Vorspeise „Auberginen gegrillt“, begleitet von einem griechischen Bauernsalat. Es folgen „Bifteki“, mit Schafskäse, Zwiebeln und Kräutern gefüllte Hacksteaks. Natürlich ganz frisch von Tsambika eigenhändig zubereitet. Der griechische Joghurt mit rhodischem Thymianhonig als Nachspeise ist eine kulinarische Offenbarung. Später, beim Ouzo an der Poolbar, erzählt Panagiotis von den Oliven. Seinen Oliven. „Die Bäume werden von Generation zu Generation vererbt“, bekundet er stolz. 500 Liter Olivenöl hat die Pressung im letzten Jahr ergeben, eine gute Ernte. Und er verrät uns sein Ernterezept: Ein Netz unter den Baum spannen, die Oliven darin sammeln und umgehend zur Pressung bringen. Das gibt gutes Öl. Aus vier Kilo Oliven gewinnt er einen Liter Öl. Sein Sohn Tassos steht mit hinter der Theke, hört aufmerksam zu. „Die Vitamine sind gegessen worden“, verkündet Panagiotis stolz und grinst. Sein gutes Deutsch hat er während eines einjährigen Aufenthaltes in Mainz gelernt. Er spricht gern mit seinen Gästen. Unsere Vornamen beherrscht er seit der Ankunft, hat meist eine nette oder lustige Bemerkung parat. Die Wanderer fühlen sich wohl hier. Die Zimmer sind einfach, aber sauber. Auf den Balkonen und Terrassen sind Wäscheleinen mit Klammern gespannt. Praktisch für die kleine Wanderwäsche. Und für verschmutzte Wanderstiefel steht ein Rost mit Bürste und Wasser im Innenhof. Einen Fernseher sucht man auf dem Zimmer vergebens. Aber den vermisst niemand. Für das Fußballendspiel hat Panagiotis ein langes Antennenkabel über den Hof gespant und seinen großen Fernseher im Frühstücksraum aufgestellt. Die Wandergruppe fiebert gemeinsam. Morgen, am freien Tag, fährt Panagiotis die Sonnenanbeter mit seinem kleinen Hotelbus zum vier Kilometer entfernten Stegna Strand. Ein Ruhetag am Meer.

An der Westküste Akrimitis

Und die Wanderungen? Am ersten Wandertag, keine Viertelstunde unterwegs, ergießt sich ein heftiger Regenschauer aus den Wolken. Ein Olivenhain bietet Schutz unter alten Bäumen. Die Gruppe rückt zusammen. Wandergespräche werden für einen Niedersachsen zur Entdeckung deutscher Sprachvielfalt. Es wird geschwäbelt und gesächselt, Reiseleiterin Olga würzt das Ganze mit einem leichten Wiener Dialekt. Unsere Wanderung führt durch ein seit Generationen von einheimischen Familien bewirtschaftetes Orangental in den kleinen Ort Malonas. Neben Orangen und Zitronen entdecken wir Walnussbäume, Mispel und Granatapfel. Zur Belohnung gibt es am Ziel in der Taverne für jeden ein großes Glas frisch gepressten Orangensaft. Lecker!

Es folgt der Tag der Kräuter. Vor allem Salbei und Thymian würzen die in Archipoli begonnene Wanderung. Es duftet intensiv, dazu summen und brummen allerlei Insekten. Bienenkästen stehen unweit am Wegesrand. Auf einem Kiefernzweig sonnt sich ein Schmetterling: „Ein Segelfalter“, raunt Rainer in feinstem Sächsisch, „ganz eindeutig ein Segelfalter.“ Kurz vor dem Ziel verzaubern uns an einem Bewässerungsteich Libellen mit ihren bunten Farben. Und im kleinen Laden in Archipoli gibt es rhodischen Thymianhonig zu kaufen. Ein Gedicht. Wir besteigen den Akrimitis, den zweithöchsten Berg der Insel und blicken von 825 Metern auf die Westküste mit ihren vorgelagerten Inseln. Und wir wandern von Bucht zu Bucht an der Ostküste: Vom Agapi- zum Stegna- und weiter zum Tsambika Beach. Das Meerwasser ist schon warm und erfrischt herrlich. Müde aber zufrieden kehren wir in unser Hotel zurück. Duschen, Abendessen, Plaudern.

Abstieg zum Tsambika Beach

Als es dunkel geworden wird, liest Olga im Schein der Laterne aus der griechischen Mythologie die Geschichte vom tragischen Helden Theseus vor. Alle sind gekommen um zuzuhören. Am letzten Tag gibt mir Panagiotis eine Visitenkarte. „Owner – Director“ lese ich unter seinem Namen. Panagiotis ist mehr als Eigentümer und Direktor. Er ist Gastgeber mit Leidenschaft und Hingabe, auch mit Anfang sechzig. Tassos und Tsambikos werden in das Hotelgeschäft eingearbeitet. Sie sollen einmal den Betrieb übernehmen und weiterführen. Ganz zurückziehen will Panagiotis sich nicht. Aber soweit ist es ja noch lange nicht. Und so feiern wir gemeinsam ein Abschiedsfest. Mit griechischen Köstlichkeiten vom Buffet. Schwiegersohn Vassilis und Enkel Nikos spielen auf der Bouzouki. Bis spät in die Nacht wird getanzt, getrunken und gelacht – in bester Gesellschaft.

Informationen
Reisezeit Mai – Oktober
Veranstalter Die „Wanderwoche auf Rhodos“ (   www.wikinger-reisen.de/wandern/griechenland/6638.php ) ist buchbar beim   Reiseveranstalter Wikinger Reisen GmbH (Tel.: 02331/904742) oder im örtlichen   Reisebüro.
Weitere Infos Vielfältige nützliche Informationen zu   Griechenland (u. a. Einreisebestimmungen, Kultur und Literaturtipps): www.griechische-botschaft.de

Torsten Wenk aus Braunschweig

Kommentare

  1. Hallo Torsten,

    wie habe ich mich gefreut Deinen „Artikel“ von der Wanderwoche zu lesen. Genau so war es, war mein erster Gedanke.

    Kaum zuhause hat mich sofort der Alltag wieder eingeholt. Ich sitze hier an der Buchhaltung und lese nebenher die Mails und plötzlich ist Rhodos wieder gegenwärtig. Ich habe mir auch ein paar Notizen gemacht, vielleicht schaffe ich es ja, sie auch mal richtig niederzuschreiben… 🙂

    Leider sind meine Fotos nicht so gut geworden. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir ein paar von Deinen schicken könntest, nur für den Privatgebrauch.

    Herzliche Grüße von

    Sabine aus dem Schwabenland

  2. Hallo Torsten,

    da hast du aber einen schönen Reisebericht geschrieben, der Lust darauf macht tatsächlich auch mal auf Rhodos wandern zu gehen. Muss ich mir unbedingt mal merken. Ich habe förmlich die Kraäter gerochen und großen Appetit auf die häusliche griechische Küche bekommen.

    Beneide dich um dieses schöne Erlebnis !!

    Liebe Grüße Runa

Schreibe einen Kommentar